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Argumente
Drohungen sind keine Argumente
Wie kann man für
oder gegen eine faktische Behauptung argumentieren?
Wie kann man für oder gegen die Behauptung argumentieren: "u
ist die Ursache von w"
Was unterscheidet überredende Rhetorik von
überzeugender Argumentation?
Drohungen sind keine Argumente
Argumente sind Sätze,
die zur Bejahung oder Verneinung von strittigen oder bezweifelten Behauptungen
geäußert werden.
Argumente spielen immer dann eine Rolle, wenn es um die richtige Beantwortung
von Fragen geht, wenn bestimmte Antworten behauptet oder bestritten, bejaht oder
verneint, geglaubt oder bezweifelt werden. Man argumentiert für oder gegen eine
Behauptung und dem damit verbundenen Anspruch auf Geltung. Argumente und
Gegenargumente stützen oder erschüttern eine strittige These und im besten Fall
beweisen oder widerlegen sie diese These. Hier kommt es auf die logische
Beziehung zwischen verschiedenen Begriffen und Sätzen an.
Dabei bedeutet "richtig" immer "allgemein und dauerhaft richtig", also nicht nur für
mich richtig und nicht nur jetzt richtig, sondern für jeden richtig und dauerhaft richtig.
Wenn argumentiert wird, geht es immer um Allgemeingültigkeit bzw. Wahrheit im
allgemeinsten Sinne. Argumente sind ein Mittel, um zu einer dauerhaften allen
gemeinsamen Weltsicht zu gelangen.
Man kann auch mit sich selber
argumentieren und die verschiedenen Argumente, die pro und contra eine bestimmte
Behauptung vorgetragen werden, im eigenen Denken prüfen. Argumente dienen hier
dazu, den eigenen Zweifel an der Richtigkeit verschiedener Behauptungen zu
beseitigen.
Die Fähigkeit zum Argumentieren mit sich selber, zur In-Frage-Stellung von
bislang Geglaubtem, zur kritischen Prüfung der eigenen Überzeugungen unabhängig von den eigenen
Wünschen und Gefühlen sowie zur bewussten Konfrontation mit dem eigenen Nicht-Wissen
macht vor allem anderen die Vernünftigkeit eines Menschen aus.
Zur Unterscheidung von Drohungen und Argumenten.
Die Grenzen sind hier nicht immer leicht zu ziehen. Nehmen wir ein
fiktives
Beispiel aus der Politik. Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen
Industrie äußert sich zur Frage der Lohnforderungen: "Wenn die überhöhten
Lohnforderungen der Gewerkschaften durchgesetzt werden, wird es zu weiteren und
beschleunigten Abwanderungen von Betrieben ins Ausland kommen."
Ist das ein Argument gegen die Lohnforderungen? Oder ist das eine versteckte
Drohung der Kapitaleigner mit Kapitalflucht?
Entscheidend scheint mir zu sein, ob die Beteiligten ihr gesamtes eigenes
Handeln zur Disposition stellen. Denn Kapitalflucht ist ja kein Naturereignis
sondern eine von Kapitaleignern gewählte Handlungsweise, die schwerwiegende
Folgen für die Arbeitnehmerseite haben kann.
Das unterscheidet auch eine gewaltlose, rein argumentative Einigung von einer
ausgehandelten Einigung, einem Vertrag. In eine ausgehandelte Einigung, z. B.
einen Tarifvertrag fließt die Machtposition der Vertragspartner mit ein. Ihr
Inhalt hängt ab von der "bargaining power" der beteiligten Parteien, etwa wenn
die Unternehmerseite die Schließung von Produktionsstätten ankündigt, falls
keine Kostensenkung in bestimmtem Umfang durchgesetzt wird.
Dabei handelt es sich nicht um eine unzulässige Erpressung, denn einem
Kapitaleigentümer ist es freigestellt, wo und wie viel er investieren will.
Niemand darf ihn zwingen, rote Zahlen zu schreiben.
Wie kann man für oder gegen eine faktische Behauptung argumentieren?
Nehmen wir folgendes Beispiel aus dem Alltag. Angenommen, jemand behauptet:
"Familie Meyer hat ihr Sylvester-Feuerwerk auf der Wiese veranstaltet und den Müll liegen gelassen."
Hier handelt es sich offensichtlich
um eine Behauptung über etwas, das tatsächlich geschehen ist. Man spricht in
diesem Fall auch von einer "faktischen Behauptung" oder einer "positiven
Aussage". Zur Abkürzung bezeichnen wir die Behauptung mit dem Buchstaben "t".
Schauen wir uns mögliche Argumente für oder gegen die Wahrheit der Behauptung t an.
Argument 1
Bert beginnt und bringt ein Argument vor, das für t sprechen soll. Bert sagt: "Das waren Meyers. Ich habe genau gesehen, wie Meyers kurz nach Mitternacht mit Feuerwerkskörpern auf die Wiese gegangen sind."
Diese Äußerung enthält die
Aussage: "Meyers sind kurz nach Mitternacht mit
Feuerwerkskörpern auf die Wiese gegangen".
Diese Aussage ist zumindest im Prinzip durch andere überprüfbar (z. B. durch
andere Augenzeugen).
Allerdings genügt Argument 1 nicht zum Beweis von t. Selbst wenn man annimmt,
dass Argument 1 seinerseits wahr ist (Bert lügt nicht
und er hat die Leute, die er zur Wiese gehen
sah, richtig als Familie Meyer identifiziert), so könnten Meyers ihren Müll ja
anschließend beseitigt haben.
Allerdings stützt Argument 1 die These t, sodass Meyers verstärkt als Urheber
des Mülls in Frage
kommen. Denn sie erfüllen eine notwendige - wenn auch keine hinreichende -
Bedingung für die Wahrheit von t, insofern als sie überhaupt Silvester auf
der Wiese waren. Wer Sylvester überhaupt nicht auf der Wiese war, kann es nicht
gewesen sein.
Argument 2
Carla sagt: "Ich habe gesehen, wie Meyers Sylvester gegen 20 Uhr
mit ihrem Auto weggefahren sind
und erst gegen 4 Uhr morgens zurückgekommen sind."
Auch die im Argument 2 enthaltene Aussage ("Meyers sind Sylvester gegen 20 Uhr
weggefahren und erst gegen 4 Uhr morgens zurückgekommen" ) ist im Prinzip nachprüfbar. Wenn Carla die Autos samt Insassen
richtig identifiziert hat, so ist Argument 2 ein Beweis für die Unschuld der
Familie Meyer, ein Beweis dafür, dass t falsch ist.
Denn aus Argument 2 kann man folgern, dass Meyers gar nicht auf der Wiese gefeiert
haben, wenn man als zusätzliche sehr wahrscheinliche Prämisse annimmt, dass
Meyers nicht mehr nach ihrer Rückkehr um 4 Uhr morgens auf der Wiese ein
Feuerwerk veranstaltet haben.
Argument 3
David, der Meyers überhaupt nicht leiden kann, sagt: "Meyers sind es gewesen. Die lassen ja auch sonst ihren Müll meistens liegen, ob es nun Zigarettenschachteln, Bonbonpapier, Papiertaschentücher oder Hundehaufen sind."
Argument 3 behauptet ein gewohnheitsmäßiges Verhalten der Meyers. Ein solches
Argument ist wegen seiner fehlenden Genauigkeit (was bedeutet z. B. "meistens" ?)
nicht eindeutig zu überprüfen.
Selbst wenn hier eine prozentuale Wahrscheinlichkeit angeben wird und diese stimmt, ergibt sich daraus
wiederum nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Meyers auch in diesem Fall
ihren Abfall liegen gelassen haben. Insofern handelt es sich hier nicht um einen
gültigen logisch-deduktiven Schluss auf t, sondern höchstens um eine gewisse
Stützung von t.
Außerdem sind Meyers unter Umständen nicht die einzigen, die diese unerfreuliche Angewohnheit
haben. Wenn das Verhalten von Meyers allgemein verbreitet ist, besagt das Argument
gar nichts.
Argument 3 ist auch nur dann relevant, wenn zugleich die notwendige Bedingung
gegeben ist, dass Meyers überhaupt Sylvester auf der Wiese waren.
Argument 4
Evelyn sagt: "Frau Müller hat auch gesagt, dass es Meyers gewesen sind, und Frau Müller ist ja immer bestens informiert über alles, was in der Nachbarschaft vorgeht."
Dies Argument ist
zumindest in seinem ersten Teil nachprüfbar. Nehmen wir an, Frau Müller habe
sich tatsächlich in dieser Weise geäußert. Ob Frau Müller immer bestens
informiert ist, lässt sich im Prinzip ebenfalls überprüfen. Sollte Frau Müller
sich jedoch nur ein einziges Mal geirrt haben, so wäre das Argument selber
falsch.
Argument 4 ist allerdings von völlig anderer Art als die bisherigen Argumente,
die alle einen direkten sachlichen Bezug zur These t hatten.
Hier geht es dagegen um die
behauptete Fähigkeit einer Person, bestimmte Fragen richtig zu beantworten.
Aufgrund dieser Fähigkeit wird dann auf die Richtigkeit der gegebenen Antwort geschlossen wird. Hier
wird die Kompetenz und Autorität von Personen ins Spiel gebracht, was natürlich
niemals ein Beweis sein kann, denn irren ist menschlich, wie man so sagt, und es
wird auch gelogen.
Argument 5
Frieda sagt: "Aber klar waren das die Meyers! Wer denn sonst? So was hab ich im Gefühl!"
Dies "Argument" ist offensichtlich nicht intersubjektiv nachvollziehbar und ist somit unbrauchbar. Die Frage ist, ob man diese Äußerung überhaupt noch als Argument bezeichnen soll. Der Sprachgebrauch ist hier nicht einheitlich.
***
Wie kann man für oder gegen die Behauptung argumentieren: "u ist die Ursache von w"?
Nach der Ursache eines Geschehens fragt man mit einer Warum-Frage.
Statt zu sagen "Was war die Ursache von w?" kann man auch sagen: "Warum
ist w geschehen?" Und statt zu sagen: "u war die Ursache von w"
kann man auch sagen: "w ist geschehen, weil u geschehen
ist".
Zum Begriff der "Ursache" gehört der Begriff der "(Folge)Wirkung".
Ursache und Wirkung stehen in einer zeitlichen Folgebeziehung zueinander. Das
ursächliche Geschehen liegt zeitlich vor dem bewirkten Geschehen.
Ein singuläres Geschehen u kann nur dann die Ursache für ein anderes
singuläres Geschehen w sein, wenn gewisse Regelmäßigkeiten zwischen dem
Auftreten von Geschehen der Art U und dem Auftreten von Geschehen der Art
W bestehen. Nur durch Bezugnahme auf eine Regelmäßigkeit in der Beziehung
zwischen U und W kann man w mit u erklären.
Wenn u die Ursache von w ist, dann kann man w erzeugen,
indem man u erzeugt. Das schließt nicht aus, dass es noch andere
Möglichkeiten als u zur Erzeugung von w gibt. Deshalb kann man
w nicht allein dadurch verhindern, dass man u verhindert.
Wie kann man begründen oder bestreiten, dass u die Ursache von w
ist?
Analysieren wir dazu
einmal eine fiktive Argumentation, bei der es um die Ursache für das Umstürzen
eines Baumes geht.
Knut: "Die Ursache für das Umstürzen des Baumes war der starke Sturm gestern
Abend."
[Eine bestimmte Ursache für ein bestimmtes Geschehen
wird behauptet.]
Vera: "Das kann nicht sein, denn der Baum ist schon am Tag vor dem starken Sturm
umgestürzt."
[Ein Gegenargument wird vorgebracht. Wenn die darin
behauptete Tatsache stimmt, ist der Einwand schlagend, denn eine Wirkung kann
nicht zeitlich vor ihrer Ursache liegen.]
Knut: "Nein, Du irrst. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass der Baum
morgens noch stand, ehe mittags der starke Sturm einsetzte."
[Das Gegenargument wird entkräftet, indem gegen die
Tatsachenbehauptung ein entscheidender Einwand vorgebracht wird. Nehmen wir an,
dass der Einwand stimmt. Damit ist die Frage nach der Ursache wieder offen.]
Vera: "Der Sturm kann trotzdem nicht die Ursache für das Umstürzen des Baumes
gewesen sein, denn die andern Bäume stehen ja alle noch trotz des Sturmes."
[Anhand von Gegenbeispielen wird das Bestehen einer
empirischen Regelmäßigkeit zwischen dem Auftreten von starken Stürmen und dem
Umstürzen von Bäumen bestritten. Wenn eine solche Regelmäßigkeit nicht gegeben
ist, kann der starke Sturm auch nicht die Ursache für das Umstürzen des Baumes
gewesen sein. Andernfalls könnte man jedes vorhergehende Geschehen, z. B. dass
ein Hund gebellt hat, zur Ursache für das Umstürzen des Baumes erklären.]
Knut: "Ich bleibe dabei, dass der Baum nicht umgefallen wäre, wenn der Sturm
nicht gewesen wäre."
[Der starke Sturm wird jetzt zu einer notwendigen
Bedingung für das Umstürzen des Baumes erklärt. Das beinhaltet nicht, dass der
starke Sturm alleine ausgereicht hätte, den Baum zum Umstürzen zu bringen. Der
starke Sturm allein ist deshalb zwar eine notwendige aber noch keine
hinreichende Bedingung für das Umstürzen des Baumes.]
Vera: "Das kann jeder behaupten. Mir fehlt eine Begründung dafür, dass der
starke Sturm für das Umstürzen des Baumes so entscheidend war."
[Es wird eine Begründung für die Behauptung verlangt.]
Knut: "Nur in den Gebieten, wo es diesen starken Sturm gab, sind auch Bäume
umgestürzt. Natürlich sind nicht alle Bäume umgestürzt. Wo schwächere Winde
wehten, stehen noch alle Bäume."
[Es wird Tatsachen angeführt, um die Behauptung zu
begründen.]
Vera: "Meiner Ansicht nach ist der Baum auch deswegen umgestürzt, weil er von
einem Pilz befallen war, der das Holz morsch gemacht hat."
[Es wird eine zusätzliche Ursache für das Umstürzen
des Baumes behauptet.]
Knut: "Willst Du damit den Pilzbefall des Baumes zur Ursache seines Umstürzen
erklären?"
[Eine Nachfrage hinsichtlich der Implikationen einer
Behauptung wird gestellt.]
Vera: "Nicht zur alleinigen Ursache, aber ohne Pilzbefall hätte der Baum dem
starken Sturm sicherlich standgehalten."
[Eine zweite notwendige Bedingung für das Umstürzen
des Baumes wird behauptet. Dies steht nicht im Widerspruch zur vorher genannten
notwendigen Bedingung.]
Knut: "Mir scheint, dass es zwei Ursachen für das Umfallen des Baumes
gab, den starken Sturm und den Pilzbefall. Beide mussten zusammentreffen, damit
der Baum umstürzte."
[Das Zusammentreffen von starkem Sturm und Pilzbefall
wird zu einer hinreichenden Bedingung für das Umstürzen des Baumes erklärt.
Zugleich wird dies als Ursache des Umstürzens behauptet. ]
Vera: "Möglicherweise liegen wir mit unserer Suche nach der Ursache für
das Umstürzen des Baumes aber auch völlig falsch. Mir fällt da ein, dass der
Gärtner schon seit längerem den Auftrag gehabt haben soll, den Baum zu fällen,
weil er nicht mehr standsicher war."
[Es wird eine ganz andere, bisher nicht
berücksichtigte Möglichkeit für das Umstürzen von Bäumen eingebracht.]
Knut: "Das lässt sich leicht klären, indem wir uns den Stamm ansehen. Wenn der
Gärtner den Baum tatsächlich noch kurz vor dem Sturm am Vormittag gefällt hat,
dann muss es eine glatte Schnittfläche durch den Stamm geben."
[Um die richtige Ursache zu bestimmen, müssen andere
Möglichkeiten zur Erzeugung von w ausgeschlossen sein.]
***
Wörter wie "Argument", "Beweis", "Begründung", "Wissenschaft" oder ähnliches
werden doppeldeutig verwendet. Mal benutzt man sie rein beschreibend
(deskriptiv), mal normativ. Im letzteren Fall ist nur das brauchbare
Argument ein "Argument" und alles andere sind nur "Schein-Argumente".
***
***
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Drohung und Argument: Ein vorgetragenes
Argument wirkt auf das Handeln des Angesprochenen nur dann, wenn er das
Argument akzeptiert und bejaht. Dagegen wirkt eine Drohung gegen jemanden auch
dann auf dessen Handeln, wenn dieser die Drohung ablehnt und missbilligt.
Ein Argument muss also selber als wahr akzeptiert werden, damit es wirkt. Der
Satz: "Wenn du nicht zustimmst, bist Du noch heute ein toter Mann" wird vom
Drohenden erst wahr gemacht, er könnte es
auch lassen.
Aber was ist genau eine Drohung? Ist z. B. der Satz: "Man sollte nicht fremd
gehen, denn wer fremd geht, kann leicht AIDS kriegen" ein Argument oder eine
Drohung?
***
***
***
Was unterscheidet überredende Rhetorik von überzeugender Argumentation?
Gemeinsam ist der Rhetorik und der Argumentation, dass sie auf die bestehenden
Meinungen (auf das, was für richtig gehalten wird) einwirken wollen. Beide
Tätigkeiten orientieren sich an speziellen Regeln. Wo liegen die Unterschiede?
Ich will beide Arten von Diskussionsführung einmal gegenüber stellen.
Rhetorik hat zum Ziel, Recht zu behalten und auf
jeden Fall den Anschein zu erwecken, dass man Recht hat.
Argumentation hat zum Ziel, Recht zu haben. Dies kann u. U. auch bedeuten sein,
dass man einräumt, dass die eigene Position falsch war.
Rhetorik hat zum Ziel, bestimmte Adressaten zu einer bestimmten Meinung
zu bringen.
Argumentation hat zum Ziel, mit beliebigen Adressaten einen dauerhaften Konsens
über die Gültigkeit einer bestimmten Meinung herzustellen.
Rhetorik orientiert sich an den jeweiligen
Adressaten und deren besonderen Interessen und Vorurteilen.
Argumentation orientiert sich am verständigen Subjekt, das in der Lage ist, die
relevanten Argumente zu verstehen.
Rhetorik schließt an die bestehenden Meinungen
der jeweiligen Adressaten an, gleichgültig, ob diese richtig sind oder nicht.
Argumentation schließt nicht an Meinungen an, die falsch sind, weil dadurch kein
stabiler Konsens erreicht werden kann.
Rhetorik arbeitet mit Wiederholungen, wenn
dadurch Wirkung erzielt werden kann.
Argumentation verzichtet auf Wiederholungen, es sei denn, etwas wurde nicht
verstanden. Argumente werden durch Wiederholung nicht besser.
Rhetorik argumentiert mit der Herkunft der strittigen Behauptungen.
Argumentation prüft die Gültigkeit der strittigen Behauptungen unabhängig von
ihrer Herkunft, denn ein Argument bleibt dasselbe, ob es nun von A oder B
vorgetragen wird.
Rhetorik arbeitet notfalls auch mit widersprüchlichen Argumenten je nach
Adressat, wenn es Erfolg verspricht.
Argumentation vermeidet widersprüchliche
Argumente, weil mit "Ja und Nein" keine Frage beantwortet werden kann.
Rhetorik bedient sich der Emotionen, um Zustimmung oder Ablehnung zu
Positionen zu erzeugen.
Argumentation verzichtet auf die Erregung von Emotionen,
weil diese keine dauerhafte Grundlage bilden sondern sich ändern können.
Rhetorik bedient sich der Vergröberung, Vereinfachung und Verfälschung
gegnerischer Positionen, um sie leichter kritisieren zu können.
Argumentation bemüht sich um ein Verständnis der gegnerischen Position, denn es
ist möglich, dass der Andere Recht hat.
Rhetorik ignoriert Gegenargumente, wenn dies möglich ist.
Argumentation geht auf Gegenargumente ein und versucht sie zu entkräften.
***
Wenn man für oder gegen eine These (Behauptung)
argumentiert, bedient man sich der Logik und zeigt, dass die These (oder ihre
Verneinung) sich logisch aus Prämissen ableiten lässt, die möglichst unstrittig
sind.
Nehmen wir ein den meisten wohl bekanntes Beispiel:
A stellt die These auf: "Die Naturwissenschaften beruhen (im Unterschied zu den
Religionen) nicht auf Glauben."
B bestreitet dies und stellt die
Gegenthese auf: "Nein. Auch die Naturwissenschaften beruhen auf Glauben."
Die Frage, um die es hier (unausgesprochen) geht, lautet: "Beruhen die Naturwissenschaften auf Glauben? (Ja oder
Nein)"
Wenn man die Frage beantworten will, muss man sich für die These oder
die Gegenthese entscheiden.
B versucht die These zu widerlegen, indem er die Gegenthese
beweist.
Als Beispiel für Glauben in den
Naturwissenschaften führt B den folgenden Satz an:
(1) "Die Welt existiert unabhängig davon, ob sie
wahrgenommen wird."
B argumentiert dann in den folgenden Schritten:
(2) "Satz (1) wird in den Naturwissenschaften
unausgesprochen vorausgesetzt."
(3) "Satz (1) wird in den Naturwissenschaften nicht
begründet."
(3a) "Sätze, die jemand voraussetzt, ohne sie zu begründen,
nennt man 'Glaubenssätze'." (Definition)
(4) "Aus den Sätzen (2), (3) und (3a) folgt, dass es sich
bei Satz (1) um einen Glaubenssatz der Naturwissenschaften handelt."
(5) "Aus (4) folgt: 'Auch die Naturwissenschaften beruhen
auf Glauben'."
Ist dies eine gelungene Argumentation? Sind die Prämissen
Satz (2), (3) und (3a) unstrittig und sind die Schlüsse Satz (4) und (5) gültig?
Ist B die Widerlegung gelungen?
Problematisch weil nicht ohne
weiteres nachvollziehbar an der Argumentation ist Satz (2) in Verbindung mit
Satz (1).
Wenn man z. B. einen Astronomen fragt, ob er Satz (1)
implizit bei seinen Theorien voraussetzt, so wird er wahrscheinlich erstmal
fragen, was mit Satz (1) genau gemeint ist.
Und er wird vielleicht fortfahren: "Wenn damit z. B. gesagt
wird, dass die Astronomie annimmt, dass der Planet Venus auch dann auf seiner
elliptischen Bahn die Sonne umrundet, wenn wir ihn nicht wahrnehmen können, weil
sich die Sonne gerade zwischen Venus und Erde befindet, so machen wir diese
Voraussetzung ganz selbstverständlich und auch ausdrücklich.
Wir haben dafür auch gute Gründe, denn diese Annahme
entspricht den Gesetzmäßigkeiten der Mechanik und sie erlaubt uns die
erfolgreiche Vorhersage der Positionen der Venus und sogar die Versendung von
Forschungssonden zur Venus. Und so etwas beruht nicht auf unbegründeten
Vermutungen oder Phantasievorstellungen. Die erfolgreiche Technik ist eine
hinreichende Bestätigung unserer Annahmen."
Wenn der Astronom Satz (1) richtig interpretiert hat und
die Methoden der Astronomie richtig darstellt, sind die Prämissen (2) und (3)
demgemäß empirisch falsch: Annahmen über nicht sinnlich wahrgenommene Zustände
der Welt werden in den Naturwissenschaften ständig ausdrücklich gemacht und auch
nachvollziehbar begründet.
Soweit das Beispiel. Mir kommt es hier weniger auf das spezielle Beispiel an,
als auf die Methode, mit der man eine Argumentation
transparent machen kann, indem man die logisch notwendigen Prämissen und
Schlüsse einzeln herausdestilliert und wieder richtig zusammenfügt. Dazu
benötigt man nicht unbedingt einen abschreckenden Apparat von
schwer zu erlernenden logischen Symbolen.
***
Es gibt in der Wissenschaftstheorie die
Auffassung, dass die Forderung nach Begründung wissenschaftlicher Theorien
unerfüllbar ist und deshalb fallengelassen werden sollte. Dies wird
folgendermaßen begründet:
Wenn man einen Satz logisch begründet, leitet man ihn aus
anderen Sätzen ab. Diese müssen nun ihrerseits wieder begründet werden. Damit
gerät man in eine unendliche Kette von Begründungsschritten (infiniter Regress)
oder man dreht sich mit seinen Begründungen im Kreise (circulus vitiosus) oder
man bricht die Begründung irgendwo ab. Eine sogenannte "Letztbegründung" ist
demnach unmöglich.
Das ist in groben Zügen Hans Alberts "Münchhausen-Trilemma". Statt
der unmöglichen "Letztbegründung" fordert Albert strenge Prüfungen, also
Bemühungen um Falsifikation. Wenn eine Theorie das übersteht, ist sie brauchbar.
Eine solche Position mag für empirische Theorien berechtigt sein, wo es
keinen deduktiven Beweis einer Theorie und damit keine absolute Gewissheit geben
kann. Aber die Forderung nach Begründung bleibt meines Erachtens sinnvoll, wenn
man unter einer Begründung nicht nur eine logische Deduktion versteht.
So ist es eine Begründung allgemeiner empirischer Theorien,
dass sie sich bisher immer bestätigt haben. Die induktive Verallgemeinerung von
beobachteten Zusammenhängen zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten ist zwar kein
logischer Schluss, aber eine brauchbare Begründung der angenommenen
Gesetzmäßigkeit.
Bezeichnend ist, dass Albert hier begründet, warum die
Forderung nach Begründung fallengelassen werden sollte. Damit handelt er
entgegen seiner eigenen These.
Meiner Meinung nach ist die Forderung nach der Begründung
von Behauptungen mittels intersubjektiv nachvollziehbarer und akzeptabler
Argumente zentral für jede Wissenschaft.
Wenn jemand eine These als "wahr" (" richtig", "allgemein gültig" )
behauptet - wenn er also für diese These allgemeine Geltung und Zustimmung
fordert - dann muss er für diese These auch allgemein einsichtige Argumente
liefern können. Sonst ist sein Anspruch auf Wahrheit nicht von einem Anspruch
auf die Befolgung eines Dogmas zu unterscheiden.
***
Du schreibst: "Die Konstruktion folgerichtiger Argumente ist für einen
logisch Bewanderten nicht das große Problem."
Meines Erachtens ist auch die Folgerichtigkeit von Argumenten manchmal wegen
der Verwendung ungeklärter Begriffe sehr schwer zu erkennen. Hier ein paar
Kostproben:
"Die Sexualität hat die Funktion (Aufgabe, Ziel, Wesen
etc.) der Fortpflanzung. Folglich ist Empfängnisverhütung funktionswidrig und
deshalb nicht zulässig."
"Leben ist Kampf. Wer nicht zum Kämpfen bereit ist, ist
nicht lebenstüchtig und damit nicht lebenswert."
"Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen.
Heute stehen sich die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse gegenüber.
Deshalb ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, den Klassenkampf zu
organisieren."
Dies sind drei historisch einflussreiche Beispiele für
Fehlschlüsse vom "Sein" auf ein "Sollen". Der Fehler entsteht hier durch die
Doppeldeutigkeit von Begriffen wie "Funktion", "Ziel", "Aufgabe", "Wesen", "Sein" etc., die einerseits beschreibend (deskriptiv) und andererseits
handlungsleitend (normativ) verwendet werden.
Diese Doppeldeutigkeit
wird oft nicht bemerkt: Zu Anfang ist "Funktion" eine empirisch
festgestellte vorhandene Systemleistung, und unmerklich wird "Funktion" zu etwas
Normativem: der zu erfüllenden Funktion. Solche Fehlschlüsse",
die zuerst Hume kritisiert hat, sind oft nur schwer zu durchschauen.
Ähnlich schwierig ist es manchmal, zirkuläre
Argumentationen zu entlarven, etwa wenn in die Definition der Begriffe bereits das
hineingepackt wird, was dann später als vermeintliche Erkenntnis und Aussage über die
Beschaffenheit der Wirklichkeit wieder herausgeholt wird.
Der Grund für das häufige Fehlen "zwingender"
Argumentationen in der Philosophie scheint mir vor allem darin zu liegen, dass
die philosophischen Fragen und Behauptungen in ihrem erkenntnistheoretischen
Status nicht hinreichend geklärt sind und Begriffe mit schwankenden oder
ungeklärten Bedeutungen verwendet werden.
Dagegen hilft nur eins: Bevor man über Thesen und
Positionen diskutiert und argumentiert, muss man die Bedeutung der Thesen und
der verwendeten Begriffe klären und man muss Klarheit darüber gewinnen, um
welche Art von Fragen und Thesen es sich handelt. Das ist manchmal gar nicht so
einfach.
***
Die Frage: "Was ist ein gutes Argument?" ist eine genuin
philosophische Frage. Die Einzelwissenschaften argumentieren und reflektieren
zwar auch die von ihnen entwickelten Argumentationsformen und Methoden der
Forschung, aber sie sehen ihre Hauptaufgabe in der Bearbeitung von Fragen des
jeweiligen Gebietes. Die Philosophie kann dagegen die Frage nach guten Argumenten
allgemein stellen. Nicht umsonst ist die Begründung und Entwicklung der Logik
traditionell ein Bestandteil der Philosophie.
Angenommen, Chris vertritt die Behauptung t.
1. Argumentationsmuster:
Nun kommt
Karla und zeigt, dass aus den Prämissen p1 bis p4, die auch Chris für richtig
hält, logisch die Verneinung von t folgt. Dann ist Chris - sofern er logisch
bleiben will - gezwungen, entweder die Behauptung t fallen zu lassen oder aber
eine der Prämissen in Frage zu stellen.
2. Argumentationsmuster:
Oder Karla leitet aus der Behauptung t eine Folgerung f ab, die Chris
nicht für wahr hält. Dann ist
Chris gezwungen, entweder die Behauptung t fallen zu lassen oder die
Schlussfolgerung f in Frage zu stellen.
Derartig zwingende Argumentationen sind in der Philosophie
meist nicht möglich. Trotzdem bleiben sie das
Muster gelungener Argumentation, an denen man sich orientieren sollte.
Ein praktisches Beispiel aus dem Bereich der Ethik:
Ausgangspunkt ist Satz (1): "Alle Menschen
dürfen tun und lassen, was
immer sie wollen."
Daraus wird durch logischen Schluss Satz (2) gefolgert: "Man
darf niemanden in seinem Tun und Lassen einschränken."
Der Schluss von (1) auf (2) ist gültig, wenn man
noch folgende unausgesprochene Prämissen explizit hinzufügt:
Satz (3): "Wenn eine Person A eine Handlung h1 tun darf,
wenn sie es will, dann darf niemand A an der Ausführung von h1 hindern."
[Definition]
Satz (4) "Wenn eine Person A eine Handlung h2 unterlassen
darf, wenn sie es will, dann darf niemand A zur Ausführung von h2 zwingen."
[Definition]
Satz (5) "Wenn man eine Person A an der der Ausführung
einer gewollten Handlung h1 hindert oder zur Ausführung einer nicht gewollten
Handlung h2 zwingt, so schränkt man A in seinem Tun und Lassen ein."
[Definition]
Aus (1), (3), (4) und (5) folgt (2).
Man kann hier recht gut
das 2. Argumentationsmuster anwenden.
Aus Satz (2) und (3) lässt sich Satz (6) ableiten: "Wenn
jemand Dir die Gurgel durchschneiden will, dann darfst Du ihn nicht daran
hindern."
Ich denke, dass die Implikation (6) nicht richtig und für
niemanden akzeptabel ist.
Wenn sich aber (6) durch logische Schlussfolgerung aus (1)
ableiten lässt, kann (1) nicht richtig sein.
***
Es ist immer angebracht, möglichst genau zu bestimmen,
welche Frage man beantworten will bzw. für oder gegen welche These man
argumentiert. Und es ist immer angebracht, die relevanten Begriffe zu erläutern
und zu definieren.
Wenn man noch nicht weiß, worauf man hinaus will, kann man
natürlich auch eine Phase einschieben, wo man zu einem bestimmten Begriff das
festhält, was einem gerade einfällt. Aber diese Phase kann nur der Vorbereitung
dienen.
Zum Beispiel wird eine Diskussion zum Thema "Freier Wille"
wenig bringen und vor allem die Wiederholung bereits bekannter Positionen
ergeben.
Wenn man eine Diskussion zu der Frage macht: "Haben
Menschen einen freien Willen?", so sind die Aussichten schon besser. Aber
da
jeder unter einem 'freien Willen' etwas anderes versteht, wird auch hier nicht
viel bei herauskommen.
Es ist also sinnvoll, die verschiedenen Interpretationen
des Wortes "frei" in Verbindung mit dem Willen aufzulisten, z. B. "freier Wille"
als "unbeeinflusster Wille", als "selbstbestimmter Wille", als "nicht
vorhersagbarer Wille", als "keinen Kausalgesetzen unterliegender Wille" etc. und
diese möglichen Bedeutungen weiter zu präzisieren, etwa durch Klärung dessen,
was ein "unfreier Wille" jeweils wäre.
Eine weitere Klärung ergibt sich, wenn man fragt, ob
bestimmte Positionen einander logisch ausschließen oder miteinander vereinbar
sind. Das heißt:
Ist ein "selbstbestimmter Wille" mit einem "kausalen
Gesetzmäßigkeiten unterliegendem Willen" vereinbar oder nicht?
Oder: Ist es ohne
Widerspruch denkbar, dass ein Mensch die Frage: "Wie soll ich mich entscheiden?"
durch die Prognose ersetzt: "Wie werde ich mich entscheiden?" etc. etc.
Wichtig ist dabei, dass man immer reflektiert, um welche
Art von Frage es sich jeweils handelt: Ist es eine empirische Frage nach der
Beschaffenheit der Welt? Ist es eine terminologische Frage nach der Bedeutung
von Wörtern und der zweckmäßigsten Begrifflichkeit? Ist es eine methodologische
Frage nach dem zweckmäßigsten Vorgehen bei der Suche nach einer richtigen
Antwort? Ist es eine logische Frage nach der Kompatibilität verschiedener Sätze?
Ist es eine ethische Frage nach dem gesollten Handeln? Ist es eine Wertungsfrage
nach der Relevanz oder Gewichtigkeit bestimmter Alternativen? etc.
Wenn man hier etwas Klarheit gewonnen, ist es auch
leichter, bei den vorgebrachten Positionen und Argumenten die Spreu vom Weizen
zu trennen.
***
Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
Zur
Nachvollziehbarkeit von Argumenten ** (4 K)
***
zum Anfang
Alphabetische Liste aller Texte
Übersicht
Ethik-Werkstatt: Ende der Seite "Argumente"
Letzte Bearbeitung 10.05.2009 / Eberhard Wesche
Wer diese Website interessant findet, den bitte ich, auch Freunde, Kollegen und Bekannte auf die "Ethik-Werkstatt" hinzuweisen.