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Wirklichkeit - Wahrnehmung - Existenz

 

Als 'wirklich' (bzw. 'da seiend', 'existent', 'real vorhanden', 'tatsächlich gegeben') bezeichne ich das, was direkt – oder oder indirekt über dessen Auswirkungen - von den Individuen mit den Sinnesorganen übereinstimmend wahrgenommen werden kann.

Auf die Frage: "Existiert der Palast der Republik am Schlossplatz in Berlin noch?" lautet eine begründete Antwort: "Ja. wir kommen gerade von dort und habe beide übereinstimmend gesehen, dass der Palast der Republik dort noch unversehrt steht."

Dagegen sind Antworten wie: "Ja, meine innere Stimme sagt mir, dass er noch da ist" oder "Ja, ich habe geträumt, dass er noch da ist" oder "Ja, ich habe in einem Buch gelesen, dass er noch da ist" nicht hinreichend begründet, weil als "wirklich existent" nicht das Geträumte, Gelesene oder von inneren Stimmen Gesagte sondern nur das übereinstimmend Wahrgenommene gilt.

Das letztlich entscheidende Argument für oder gegen die Existenz von x lautet deshalb: "Geh doch selbst hin und überzeug Dich mit Deinen eigenen Augen davon. dass x existiert!"

Dabei ist zu beachten, dass die Annahme der wirklichen Existenz von x von der Möglichkeit der intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmung von x abhängt. Es ist also nicht die tatsächlich erfolgte Wahrnehmung sondern die mögliche Wahrnehmung entscheidend für die Annahme der Existenz eines Objektes.

Es kann deshalb etwas wirklich existieren, obwohl es noch niemand direkt oder indirekt wahrgenommen hat.

Wenn eine neue Ölquelle in 400 Meter Tiefe erfolgreich angebohrt wird, so ist das Erdöl nicht erst dann wirklich in der Tiefe vorhanden, wenn es zu Tage gefördert wird, sondern man schließt aus der Tatsache der Förderung von Öl und der Untersuchung der Gesteinsarten z. B., dass sich das Erdöl in dieser Gesteinsschicht bereits seit x Millionen Jahren wirklich befunden hat.

Und die Krater auf der Rückseite des Mondes existieren nach diesem Sprachgebrauch nicht erst, seit man diese Seite von Raumsonden aus sehen konnte, sondern sie existieren ebenso lange wie die Krater der Vorderseite mit den gleichen Eigenschaften.

Es ist kein Zufall, dass die empirischen Regelmäßigkeiten etwa der Massenanziehung ohne einen Bezug zu wahrnehmenden Menschen formuliert werden. Der Regentropfen fällt auch ohne uns zu Boden.

Insofern ist es nach diesem Sprachgebrauch möglich, dass etwas unabhängig davon existiert, ob es bereits von jemandem wahrgenommen wurde oder nicht, und natürlich auch unabhängig davon, ob es aktuell gerade wahrgenommen wird: entscheidend ist die konkretisierbare Möglichkeit der Wahrnehmung.

Ein solches Verständnis von dem, was "wirklich" ist, erlaubt es zum Beispiel, gezielt nach etwas zu suchen (z. B. nach außerirdischen intelligenten Wesen), von dem man nur vermutet, dass es das wirklich gibt.

Die Kennzeichnung einer Sache als "wirklich" bedeutet, dass wir mit dieser Sache und ihren Auswirkungen rechnen müssen, dass wir die Existenz dieser Sache unserm Denken und Handeln zu Grunde legen müssen.

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Wirklich ist, was an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit da ist (faktisch existiert). Beide Begriffe (" wirklich" und "faktisch existent" ) drücken dasselbe aus.

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Ein Objekt X ist wirklich, wenn es X gibt (wenn X faktisch existiert, wenn X da ist, wenn X der Fall ist, wenn X gegeben ist).

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Die Wirklichkeit bzw. die Welt umfasst all das, was faktisch existiert, existiert hat oder existieren wird. 

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Was faktisch existiert bzw. wirklich ist, muss direkt oder indirekt wahrnehmbar sein. Entscheidend dafür, ob etwas wirklich ist, sind unsere Sinneswahrnehmungen.

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Der Begriff "wirklich" ist im üblichen Gebrauch der Gegenbegriff  zu "fiktiv", "nur vorgestellt" oder "scheinbar". Eine Welt, die ich mir erträume oder mir ausdenke, die ich fantasiere oder halluziniere, ist also nicht die wirkliche, die faktische Welt.

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Man muss unterscheiden zwischen der faktischen Existenz an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und der logischen Existenz, die nicht zeit-räumlich bezogen ist.

Wenn man fragt: "Gibt es eine ganze Zahl, die kleiner ist als 15 und größer ist als 13?" so lautet die richtige Antwort: "Ja, es gibt (existiert) eine die Zahl, die beide Bedingungen erfüllt. Die Zahl 14 ist kleiner als 15 und zugleich größer als 13."

Der Begriff der logischen Existenz hat einen engen Zusammenhang mit dem Begriff "logisch wahr". Wenn mit der 14 eine Zahl logisch existiert, die sowohl kleiner als 15 als auch größer als 13 ist, so sind die beiden Sätze wahr: "14 ist kleiner als 15" und "14 ist größer als 13".

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Der Begriff "wirklich" hat einen engen Zusammenhang mit dem Begriff "wahr" : Es gibt den Osterhasen, der zu Ostern für die Kinder bunte Eier versteckt wirklich, wenn der Satz "Es gibt den Osterhasen, der zu Ostern für die Kinder bunte Eier versteckt" wahr ist. Oder allgemein formuliert: Wahre Aussagen geben uns ein Bild der wirklichen Welt.

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Wenn ein Objekt X wirklich ist, dann ist der Satz "Es gibt X" wahr.

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"Wirklich" bedeutet immer "allgemein (für alle gemeinsam) wirklich".

Mit Sätzen wie: "Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit" wird der Begriff der Wirklichkeit demontiert. Die Konsequenzen sind fatal, weil sie die
Funktion des Wortes "wirklich" bei der Kennzeichnung kollektiven Wissens zerstört.

A sagt zu B: "Vorsicht! Nicht anfassen! Die Leitung steht unter Strom!"
B fragt zurück: "Wirklich?"
A wird unwirsch: "Ja wirklich!! Denkst Du, ich scherze mit solchen Dingen oder lüge Dich an?!"
B lächelt und sagt: "Jeder Mensch hat seine eigene erdachte Wirklichkeit" und legt seine Hand auf das blanke Metall -     ... ... ...

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Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Stuhl, den ich vor mir wahrnehme und einem Stuhl, den ich mir nur gedanklich vorstelle. In beiden Fällen bildet ein Stuhl meinen Bewusstseinsinhalt.

Ein Unterschied besteht in der "Widerständigkeit" des realen Stuhls : Er kann mir gegen meinen Willen im Wege stehen, so dass ich mich schmerzhaft an ihm stoße. Der bloß ausgedachte Stuhl kann mir keine blauen Flecke beibringen.

Außerdem ist der reale Stuhl nicht nur Bestandteil meines Bewusstseinsinhaltes, sondern auch Bestandteil des Bewusstseins anderer Individuen.

Es ist so wie das Verhältnis zwischen einem Stuhl und dem Bild eines Stuhls. Das Bild zeigt einen Stuhl, aber auf diesem Stuhl kann man nicht sitzen. Ebenso kann ich auf einem ausgedachten Stuhl nicht sitzen. (Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass ich darauf sitze.)

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Zur Wirklichkeit gehört sicher alles, was gegenwärtig ist. Wohl auch, was in der Vergangenheit war. Aber auch, was in der Zukunft sein wird? Man sagt: Das Zukünftige muss erst "verwirklicht" werden, es existiert vorher nur fiktiv in der Vorstellung.

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Reale Objekte haben Raum-Zeit-Koordinaten: der Stuhl, auf dem ich hier und jetzt sitze. Wenn ich sage: "Morgen früh wird derselbe Stuhl hier stehen", so bleibt der Stuhl ja real, es handelt sich um eine Behauptung über das So-sein der zukünftigen Wirklichkeit.

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Wenn das wirklich ist, was direkt oder indirekt wahrgenommen werden kann, dann folgt daraus, dass die Schmerzen, die man fühlt, wirklich sind, auch die Schmerzen des anderen. Auch wenn ich diese Schmerzen nicht direkt wahrnehmen kann. Aber ich kann sie als "theoretisches Konstrukt" in mein Weltbild mit aufnehmen. (Ist es richtig zu sagen: Ich nehme den Schmerz wahr? Man sagt: Man fühlt den Schmerz. Wenn ich mir eine Nadel in den Arm steche, so verursacht dies Schmerzen. Fühle ich die Nadel oder fühle ich den Schmerz?)

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Die Existenz des Universums oder Weltalls kann man nicht sinnvoll bestreiten. Der Satz: "Es gibt kein Weltall" hebt sich insofern selber auf, als zum Weltall definitionsgemäß alles gehört, also auch der Sprecher des Satzes und also auch Du und Ich. Wenn es mich aber nicht gibt, dann kann ich mir vernünftigerweise gar keine Frage stellen und auch diesen Satz gar nicht schreiben (was ich jedoch gerade tue).

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Ich sehe das Haus. Ich höre das Flugzeug. Ich spüre deine Hand.

Was liegt näher als zu sagen: "Das Haus, das ich sehe, das Flugzeug, das ich höre, die Hand, die ich spüre: Es gibt sie, sie existieren" ? (Dabei sehe ich hier einmal von dem Problem ab, dass ich u. U. fälschlicherweise meine, das Flugzeug zu hören, tatsächlich aber das Geräusch eines fernen Motorrades höre.) 

Dies beinhaltet, dass auch diese Wahrnehmungen selber introspektiv wirklich gegeben sind. Ich kann denkend registrieren, dass ich jetzt diese Wahrnehmung habe (Anblick eines Hauses), dann eine andere (Geräusch eines Flugzeugs) und schließlich eine dritte (Druck einer Hand). Dies Registrieren, dass man gerade sinnlich etwas wahrnimmt, ist selber keine sinnliche Wahrnehmung sondern ein introspektives Wahrnehmen oder besser Feststellen. Beides muss unterschieden werden. Über die wirkliche Existenz von Bewusstseinsinhalten sagt uns die Introspektion etwas. Diese Dimension des Wirklichen kommt also zu der mit den Sinnesorganen direkt oder indirekt wahrgenommenen Welt noch hinzu. 

Die Begriffe "da sein", "existieren", "Wirklichkeit"   sind nicht unabhängig von den Begriffen der Wahrnehmung wie "sehen", "hören", "fühlen" etc.

Es bedarf keines weiteren Beleges dafür, dass Etwas existiert, als den, dass ich dieses Etwas mit meinen Sinnesorganen wahrnehme. Die Sinneswahrnehmung eröffnet mir die Welt. So sehe und fühle ich jetzt deine Hand und damit existiert sie für mich. Darüber hinaus bedarf es keines Beleges.

Genauer: Was wir gemeinsam und dauerhaft (intersubjektiv und intertemporal) wahrnehmen, von dem sagen wir: Es existiert wirklich. Es existiert für uns so, wie wir es wahrnehmen.

Damit geht die Aufforderung ins Leere: "Zeige mir einen Beleg jenseits der Wahrnehmung dieses Gegenstandes, dass dieser Gegenstand existiert!"

Die Wahrnehmung zeigt mir bereits, dass etwas existiert. Jedes Verlangen nach einem zusätzlichen Beleg ist überflüssig und damit sinnlos.

Es gibt keine andere Möglichkeit, zwischen Wirklichem und Fiktivem zu unterscheiden, als unsere Wahrnehmung. Was wahrnehmbar ist, das existiert, und was wir tatsächlich wahrgenommen haben, von dem wissen wir, dass es existiert.

Wenn etwas existiert, dann muss ich dies meinem Denken und Handeln zugrunde legen, dann muss ich mit seinen Eigenschaften und deren Auswirkungen auf mich rechnen.

Das muss nicht heißen, dass wir damit vollständig über den wahrgenommenen Gegenstand informiert sind. Vor 200 Jahren wusste auch noch keiner etwas von radioaktiver Strahlung. Entsprechend werden wir auch zukünftig sicherlich noch neue Dimensionen und Eigenschaften der Dinge entdecken.

Die Formulierung: "Was sinnlich wahrnehmbar ist, das existiert" erlaubt uns den Gedanken, dass die Welt mehr enthält als das, was wir bisher von ihr wahrgenommen haben, dass es Unentdecktes gibt. Und sie erlaubt uns den Gedanken, dass die Erde fortbesteht, auch wenn sich eine fanatische Menschheit gegenseitig mit Massenvernichtungswaffen ausrottet und niemand die Erde mehr wahrnimmt. 

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Ich habe bestimmte, sehr verschiedene und sich ändernde Sinneseindrücke. Aus diesen bestimmten Sinneseindrücken konstruiere ich gedanklich und begrifflich das, was ich "Wirklichkeit" oder "Welt" nenne.

Anhand einer Menge von Wahrnehmungen verschiedenster Art bilde ich den Begriff des "Kugelschreibers" : ein längliches Gerät mit einer Tintenfüllung. Wenn man mit der Spitze auf einem Blatt Papier entlang fährt, dann erzeugt man einen dünnen Strich, weil durch den Druck die winzige Kugel in der Spitze gedreht wird und da sie immer zur Hälfte in Tinte eingetaucht ist, überträgt sie beim Rollen etwas Tinte auf das Papier usw. usf..

Mit Hilfe eines solchen Begriffs "Kugelschreiber" kann ich jetzt unzählige verschiedene Ansichten und Tastgefühle zusammenfassen und ordnen. Wenn ich sage: Hier ist ein Kugelschreiber, dann vermittle ich anderen mit diesem einen Wort zahllose Informationen über zu erwartende Wahrnehmungen: Wenn Du mit der Spitze über ein Papier oder ähnliches fährst, dann hinterlässt Du einen Strich. Er enthält Tinte und färbt Deine Finger, wenn Du die Spitze anfasst. Die Farbe kann auslaufen und Dein Hemd verschmieren und und und ....

Wenn die erwarteten Wahrnehmungen dann tatsächlich eintreffen, dann sage ich: "Es stimmt. Das, was da vor mir auf dem Schreibtisch lag, war wirklich ein Kugelschreiber und nicht nur ein länglicher roter Farbeindruck. Er ist Bestandteil meiner Vorstellung von der Wirklichkeit, er ist Teil meines Bildes von der Welt."

Nicht umsonst kommt der Begriff "Realität" von dem Wort "res", lateinisch "Ding". Mit Hilfe meiner Kenntnis der Dinge, ihrer Eigenschaften und Verhaltensweisen kann ich selber beeinflussen, welche Wahrnehmungen ich zukünftig haben werde, ich kann zielbewusst und realistisch handeln.

Ohne Begriffe und ohne die Konstruktion von Dingen und ihren Eigenschaften, die meinen erwarteten Wahrnehmungen entsprechen, habe ich nur einen chaotischen Strom von Sinneseindrücken, die untereinander ohne Zusammenhang sind.

Begriffe sind zwar menschliche Konstruktionen und gehen über die tatsächlichen Wahrnehmungen verallgemeinernd hinaus, aber es sind realistische Konstruktionen, wenn ihre Verwendung es ermöglicht, Enttäuschungen zu vermeiden. Insofern sie mit meinen Wahrnehmungen übereinstimmen, ergeben sie eine realistische Beschreibung der Welt, beschreiben sie die Wirklichkeit. 

Und - was ich hier vernachlässigt habe: Die Welt der Dinge ist nicht nur meine Welt sondern die Welt aller, die diese Sprache verstehen und an ihre Kinder weitergeben.

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Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:

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Ethik-Werkstatt: Ende der Seite "xxx" / Letzte Bearbeitung 00.00.2009 / Eberhard Wesche

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