Ethik-Werkstatt
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Wirklichkeit - Wahrnehmung - Existenz
Als 'wirklich' (bzw. 'da seiend', 'existent', 'real
vorhanden', 'tatsächlich gegeben') bezeichne ich das, was direkt – oder oder
indirekt über dessen Auswirkungen - von den Individuen mit den Sinnesorganen
übereinstimmend wahrgenommen werden kann. *** Wirklich ist, was an einem bestimmten Ort zu
einer bestimmten Zeit da ist (faktisch existiert). Beide Begriffe
(" wirklich" und "faktisch existent" ) drücken dasselbe aus. ***
Ein Objekt X ist wirklich, wenn es X gibt (wenn X faktisch existiert, wenn X da
ist, wenn X der Fall ist, wenn X gegeben ist). ***
Die Wirklichkeit bzw.
die Welt
umfasst all das, was faktisch existiert, existiert hat oder existieren wird.
*** Was faktisch existiert bzw. wirklich ist, muss direkt oder indirekt
wahrnehmbar
sein. Entscheidend dafür, ob etwas wirklich ist, sind unsere Sinneswahrnehmungen. ***
Der Begriff "wirklich" ist im
üblichen Gebrauch der Gegenbegriff zu "fiktiv", "nur vorgestellt" oder "scheinbar". Eine Welt, die ich mir erträume oder mir ausdenke, die ich
fantasiere oder halluziniere, ist also nicht die wirkliche, die faktische Welt.
*** Man muss unterscheiden zwischen der
faktischen Existenz an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten
Zeit und der logischen Existenz, die nicht zeit-räumlich bezogen ist.
*** Der Begriff "wirklich" hat einen engen
Zusammenhang mit dem Begriff "wahr" : Es gibt
den Osterhasen, der zu Ostern für die Kinder bunte Eier versteckt
wirklich, wenn
der Satz "Es gibt den Osterhasen, der zu Ostern für die Kinder bunte Eier
versteckt" wahr ist. Oder allgemein formuliert:
Wahre Aussagen geben uns ein Bild der wirklichen Welt. ***
Wenn ein Objekt X wirklich
ist, dann ist der Satz "Es gibt X" wahr. ***
"Wirklich" bedeutet immer "allgemein
(für alle gemeinsam) wirklich".
*** Es gibt einen entscheidenden
Unterschied zwischen
einem Stuhl, den ich vor mir wahrnehme und einem Stuhl, den ich mir nur
gedanklich vorstelle. In beiden Fällen bildet ein Stuhl meinen
Bewusstseinsinhalt.
*** Zur Wirklichkeit gehört sicher alles, was gegenwärtig ist. Wohl auch, was in der
Vergangenheit war. Aber auch, was in der Zukunft sein wird?
Man sagt: Das Zukünftige muss erst "verwirklicht" werden, es existiert
vorher nur fiktiv in der Vorstellung. *** Reale Objekte haben
Raum-Zeit-Koordinaten: der Stuhl, auf dem ich hier und jetzt sitze. Wenn ich
sage: "Morgen früh wird derselbe Stuhl hier stehen", so bleibt der Stuhl ja
real, es handelt sich um eine Behauptung über das So-sein der zukünftigen
Wirklichkeit. ***
Wenn das wirklich ist, was direkt oder indirekt wahrgenommen werden kann, dann folgt daraus, dass die
Schmerzen, die man fühlt, wirklich sind, auch die Schmerzen des anderen. Auch
wenn ich diese Schmerzen nicht direkt wahrnehmen kann. Aber ich kann sie als "theoretisches Konstrukt" in mein Weltbild mit aufnehmen. (Ist es
richtig zu sagen: Ich nehme den Schmerz wahr? Man sagt: Man fühlt den Schmerz.
Wenn ich mir eine Nadel in den Arm steche, so verursacht dies Schmerzen. Fühle
ich die Nadel oder fühle ich den Schmerz?) ***
Die
Existenz des Universums oder Weltalls kann
man nicht sinnvoll bestreiten. Der Satz: "Es gibt kein Weltall" hebt sich
insofern selber auf, als zum Weltall definitionsgemäß alles gehört, also auch
der Sprecher des Satzes und also auch Du und Ich. Wenn es mich aber nicht gibt, dann
kann ich mir vernünftigerweise gar keine Frage stellen und auch diesen Satz gar
nicht schreiben (was ich jedoch gerade tue).
*** Ich sehe das Haus. Ich höre das Flugzeug. Ich spüre deine
Hand. ***
Ich habe bestimmte, sehr verschiedene und sich ändernde Sinneseindrücke. Aus
diesen bestimmten Sinneseindrücken konstruiere ich gedanklich und begrifflich
das, was ich "Wirklichkeit" oder "Welt" nenne.
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*** Wer diese Website interessant findet, den bitte ich, Freunde, Kollegen und
Bekannte auf die Ethik-Werkstatt hinzuweisen ***
Auf die Frage: "Existiert der Palast der Republik am Schlossplatz in Berlin
noch?" lautet eine begründete Antwort: "Ja. wir kommen gerade von dort und habe
beide übereinstimmend gesehen, dass der Palast der
Republik dort noch unversehrt steht."
Dagegen sind Antworten wie: "Ja, meine innere Stimme sagt mir, dass er noch da ist"
oder "Ja, ich habe geträumt, dass er noch da ist" oder "Ja, ich habe in einem Buch
gelesen, dass er noch da ist" nicht hinreichend begründet, weil als "wirklich
existent" nicht das Geträumte, Gelesene oder von inneren Stimmen Gesagte sondern
nur das übereinstimmend Wahrgenommene gilt.
Das letztlich entscheidende Argument für oder gegen die Existenz von x lautet
deshalb: "Geh doch selbst hin und überzeug Dich mit Deinen
eigenen Augen davon. dass x existiert!"
Dabei ist zu beachten, dass die Annahme der wirklichen Existenz von x von der
Möglichkeit der intersubjektiv übereinstimmenden
Wahrnehmung von x abhängt. Es ist also nicht die tatsächlich erfolgte
Wahrnehmung sondern die mögliche Wahrnehmung entscheidend für die Annahme der Existenz eines
Objektes.
Es kann deshalb etwas wirklich existieren, obwohl es noch niemand direkt oder
indirekt wahrgenommen hat.
Wenn eine neue Ölquelle in 400 Meter Tiefe erfolgreich angebohrt wird, so ist
das Erdöl nicht erst dann wirklich in der Tiefe vorhanden, wenn es zu Tage
gefördert wird, sondern man schließt aus der Tatsache der Förderung von Öl und
der Untersuchung der Gesteinsarten z. B., dass sich das Erdöl in dieser
Gesteinsschicht bereits seit x Millionen Jahren wirklich befunden hat.
Und die Krater auf der Rückseite des Mondes existieren nach diesem
Sprachgebrauch nicht erst, seit man diese Seite von Raumsonden aus sehen konnte,
sondern sie existieren ebenso lange wie die Krater der Vorderseite mit den
gleichen Eigenschaften.
Es ist kein Zufall, dass die empirischen Regelmäßigkeiten etwa der
Massenanziehung ohne einen Bezug zu wahrnehmenden Menschen formuliert werden.
Der Regentropfen fällt auch ohne uns zu Boden.
Insofern ist es nach diesem Sprachgebrauch möglich, dass etwas unabhängig davon
existiert, ob es bereits von jemandem wahrgenommen wurde oder nicht, und
natürlich auch unabhängig davon, ob es aktuell gerade wahrgenommen wird:
entscheidend ist die konkretisierbare Möglichkeit der
Wahrnehmung.
Ein solches Verständnis von dem, was "wirklich" ist, erlaubt es zum Beispiel,
gezielt nach etwas zu suchen (z. B. nach außerirdischen intelligenten Wesen), von
dem man nur vermutet, dass es das wirklich gibt.
Die Kennzeichnung einer Sache als "wirklich" bedeutet, dass wir mit dieser Sache
und ihren Auswirkungen rechnen müssen, dass wir die Existenz dieser Sache unserm Denken und
Handeln zu Grunde legen müssen.
Wenn man fragt: "Gibt es eine ganze Zahl, die kleiner ist als 15 und größer ist
als 13?" so lautet die richtige Antwort: "Ja, es gibt (existiert) eine die Zahl,
die beide Bedingungen erfüllt. Die Zahl 14 ist kleiner als 15 und zugleich
größer als 13."
Der Begriff der logischen Existenz hat einen engen Zusammenhang mit dem Begriff "logisch wahr". Wenn mit der 14 eine Zahl logisch existiert, die sowohl kleiner
als 15 als auch größer als 13 ist, so sind die beiden Sätze wahr: "14 ist
kleiner als 15" und "14 ist größer als 13".
Mit Sätzen wie: "Jeder Mensch hat seine eigene
Wirklichkeit" wird der Begriff der Wirklichkeit demontiert. Die
Konsequenzen sind fatal, weil sie die Funktion des
Wortes "wirklich" bei der Kennzeichnung
kollektiven Wissens zerstört.
A sagt zu B: "Vorsicht! Nicht anfassen! Die Leitung
steht unter Strom!"
B fragt zurück: "Wirklich?"
A wird unwirsch: "Ja wirklich!! Denkst Du, ich scherze mit solchen Dingen oder lüge Dich an?!"
B lächelt und sagt: "Jeder Mensch hat seine eigene erdachte Wirklichkeit" und
legt seine Hand auf das blanke Metall - ... ... ...
Ein Unterschied besteht in der "Widerständigkeit" des realen
Stuhls : Er kann mir gegen meinen Willen im Wege stehen, so dass ich mich
schmerzhaft an ihm stoße. Der bloß ausgedachte Stuhl kann mir keine blauen
Flecke beibringen.
Außerdem ist der reale Stuhl nicht nur
Bestandteil meines Bewusstseinsinhaltes,
sondern auch Bestandteil des Bewusstseins anderer Individuen.
Es ist so wie das Verhältnis zwischen einem Stuhl und dem
Bild eines Stuhls. Das Bild zeigt einen Stuhl, aber auf diesem Stuhl kann man
nicht sitzen.
Ebenso kann ich auf einem ausgedachten Stuhl nicht
sitzen. (Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass ich darauf sitze.)
Was liegt näher als zu sagen: "Das Haus, das ich sehe, das Flugzeug, das ich
höre, die Hand, die ich spüre: Es gibt sie, sie existieren" ?
(Dabei sehe ich hier einmal von dem Problem ab, dass ich u. U. fälschlicherweise
meine, das Flugzeug zu hören, tatsächlich aber das Geräusch eines fernen
Motorrades höre.)
Dies beinhaltet, dass auch diese Wahrnehmungen selber introspektiv wirklich
gegeben sind. Ich kann denkend registrieren, dass ich jetzt diese Wahrnehmung
habe (Anblick eines Hauses), dann eine andere (Geräusch eines Flugzeugs) und
schließlich eine dritte (Druck einer Hand). Dies
Registrieren, dass man gerade sinnlich etwas wahrnimmt, ist selber keine
sinnliche Wahrnehmung sondern ein introspektives Wahrnehmen oder besser
Feststellen. Beides muss unterschieden werden. Über die wirkliche Existenz von Bewusstseinsinhalten sagt uns die Introspektion etwas. Diese Dimension des
Wirklichen kommt also zu der mit den Sinnesorganen direkt oder indirekt
wahrgenommenen Welt noch hinzu.
Die Begriffe "da sein", "existieren", "Wirklichkeit" sind nicht unabhängig von den Begriffen
der Wahrnehmung wie "sehen", "hören", "fühlen" etc.
Es bedarf keines weiteren Beleges dafür, dass Etwas existiert, als den, dass ich
dieses Etwas mit meinen Sinnesorganen wahrnehme. Die Sinneswahrnehmung eröffnet
mir die Welt. So sehe und fühle ich jetzt deine Hand und damit existiert sie für mich.
Darüber hinaus bedarf es keines Beleges.
Genauer: Was wir gemeinsam und dauerhaft (intersubjektiv
und intertemporal) wahrnehmen, von dem sagen wir: Es existiert wirklich. Es
existiert für uns so, wie wir es wahrnehmen.
Damit geht die Aufforderung ins Leere: "Zeige mir einen Beleg jenseits der
Wahrnehmung dieses Gegenstandes, dass dieser Gegenstand existiert!"
Die Wahrnehmung zeigt mir bereits, dass etwas existiert. Jedes Verlangen nach
einem zusätzlichen Beleg ist überflüssig und damit sinnlos.
Es gibt keine andere Möglichkeit, zwischen Wirklichem und Fiktivem zu
unterscheiden, als unsere Wahrnehmung. Was wahrnehmbar ist, das existiert, und
was wir tatsächlich wahrgenommen haben, von dem wissen wir, dass es existiert.
Wenn etwas existiert, dann muss ich dies meinem Denken und Handeln zugrunde
legen, dann muss ich mit seinen Eigenschaften und deren Auswirkungen auf mich
rechnen.
Das muss nicht heißen, dass wir damit vollständig über den wahrgenommenen
Gegenstand informiert sind. Vor 200 Jahren wusste auch noch keiner etwas von
radioaktiver Strahlung. Entsprechend werden wir auch zukünftig sicherlich noch neue
Dimensionen und Eigenschaften der Dinge entdecken.
Die Formulierung: "Was sinnlich wahrnehmbar ist, das existiert" erlaubt uns den Gedanken, dass die Welt mehr enthält als das,
was wir bisher von ihr wahrgenommen haben, dass es Unentdecktes gibt.
Und sie erlaubt uns den Gedanken, dass die Erde fortbesteht, auch wenn sich eine
fanatische Menschheit gegenseitig mit Massenvernichtungswaffen ausrottet und
niemand die Erde mehr wahrnimmt.
Anhand einer Menge von Wahrnehmungen verschiedenster Art
bilde ich den Begriff des "Kugelschreibers" : ein längliches Gerät mit
einer Tintenfüllung. Wenn man mit der Spitze auf einem Blatt Papier entlang
fährt, dann erzeugt man einen dünnen Strich, weil durch den Druck die winzige
Kugel in der Spitze gedreht wird und da sie immer zur Hälfte in Tinte
eingetaucht ist, überträgt sie beim Rollen etwas Tinte auf das Papier usw. usf..
Mit Hilfe eines solchen Begriffs "Kugelschreiber" kann ich jetzt unzählige verschiedene Ansichten
und Tastgefühle zusammenfassen und ordnen. Wenn ich sage: Hier ist ein
Kugelschreiber, dann vermittle ich anderen mit diesem einen Wort zahllose
Informationen über zu erwartende Wahrnehmungen: Wenn Du mit der Spitze über ein
Papier oder ähnliches fährst, dann hinterlässt Du einen Strich. Er enthält Tinte
und färbt Deine Finger, wenn Du die Spitze anfasst. Die Farbe kann auslaufen und
Dein Hemd verschmieren und und und ....
Wenn die erwarteten Wahrnehmungen dann tatsächlich eintreffen, dann sage ich: "Es stimmt. Das, was da vor mir auf dem Schreibtisch lag, war wirklich ein
Kugelschreiber und nicht nur ein länglicher roter Farbeindruck. Er ist
Bestandteil meiner Vorstellung von der Wirklichkeit, er ist Teil meines Bildes
von der Welt."
Nicht umsonst kommt der Begriff "Realität" von dem Wort "res", lateinisch "Ding". Mit Hilfe meiner Kenntnis der Dinge, ihrer Eigenschaften und
Verhaltensweisen kann ich selber beeinflussen, welche Wahrnehmungen ich
zukünftig haben werde, ich kann zielbewusst und realistisch handeln.
Ohne Begriffe und ohne die Konstruktion von Dingen und ihren Eigenschaften, die
meinen erwarteten Wahrnehmungen entsprechen, habe ich nur einen chaotischen
Strom von Sinneseindrücken, die untereinander ohne Zusammenhang sind.
Begriffe sind zwar menschliche Konstruktionen und gehen über die tatsächlichen
Wahrnehmungen verallgemeinernd hinaus, aber es sind realistische Konstruktionen,
wenn ihre Verwendung es ermöglicht, Enttäuschungen zu vermeiden. Insofern sie
mit meinen Wahrnehmungen übereinstimmen, ergeben sie eine realistische
Beschreibung der Welt, beschreiben sie die Wirklichkeit.
Und - was ich hier vernachlässigt habe: Die Welt der Dinge ist nicht nur meine
Welt sondern die Welt aller, die diese Sprache verstehen und an ihre Kinder
weitergeben.
Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
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