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Welt - Sinneseindruck - Wahrnehmung - Wahrheit

 
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Vorbemerkung:
Dieser Text soll den Zusammenhang der für die Erkenntnistheorie grundlegenden Begriffe klären.
Es handelt sich also weitgehend um Definitionen, die den Gebrauch der Wörter festlegen sollen.

 

I. Die Welt, wie sie ist

Positive Sätze geben Antwort auf die Frage: "Wie ist die Welt beschaffen?" bzw.: "Wie ist dieser Ausschnitt der Welt beschaffen?". 

Die Welt ist die Gesamtheit aller wirklichen Sachverhalte (Tatsachen) im Unterschied zu nur gedachten Sachverhalten.

Sachverhalte bleiben gleich oder sie ändern sich, sie entstehen und vergehen. Wir erinnern vergangene Sachverhalte und formen daraus ein Bild der vergangenen Welt. Wir erwarten kommende Sachverhalte und entwerfen damit ein Bild der zukünftigen Welt.

Positive Sätze beschreiben einzelne räumlich und zeitlich geordnete Sachverhalte. Sie erklären die Existenz bestimmter Sachverhalte aus Regelmäßigkeiten. Sie sagen die Folgen bestimmter Sachverhalte voraus. "Wirkliche Sachverhalte" wirken in regelmäßiger Weise auf die Sinnesorgane und können einen bewussten Sinneseindruck erzeugen. Unterschiedliche Tatsachen wirken auf die Sinnesorgane in jeweils unterschiedlicher Weise und erzeugen entsprechend unterschiedliche Sinneseindrücke. Dadurch enthalten die Sinneseindrücke Informationen darüber, wie die Welt beschaffen ist.

Neben den Tatsachen, die direkt auf die Sinnesorgane einwirken, gibt es auch Sachverhalte, auf deren Existenz man gedanklich schließen kann und die zur Ordnung und Erklärung der Sinneseindrücke nötig sind. Dazu gehören z. B. die Röntgenstrahlen, die keinen direkten Sinneseindruck über die Sinnesorgane erzeugen, die jedoch auf dem Röntgenschirm sichtbare Schattenbilder der bestrahlten Gliedmaßen erzeugen. Diese Sachverhalte werden als "hypothetische Konstrukte" bezeichnet und gehören ebenfalls zur Welt.

Die Welt, von der ich selber ein Teil bin, ist somit ein umfassender Wirkungszusammenhang, der aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberreicht.


II. Sprache

Fragen und Antworten bestehen aus Sätzen. Was ein Satz beinhaltet oder bedeutet, hängt von der Bedeutung der Ausdrücke und der einzelnen Wörter ab, aus denen sich der Satz zusammensetzt. Die Bedeutung der verschiedenen Ausdrücke und Wörter sind durch die vereinbarte Terminologie bzw. Sprache festgelegt. Die Bedeutung eines Satzes ist also immer bezogen auf eine bestimmte Terminologie oder Sprache.

Über die Wahrheit von positiven Sätzen in der Sprache L kann man nur mit jemandem argumentieren, der die Sprache L beherrscht.
Für die Zwecke der Kommunikation muss eine Sprache nicht nur über eindeutige und genaue Begriffe verfügen, sondern sie muss auch eine möglichst schnelle Verständigung ermöglichen. Beide Ziele, Eindeutigkeit und Kürze können dabei miteinander im Konflikt liegen. Durch eine Annäherung an das eine Ziel entfernt man sich vom andern Ziel. In der gesprochenen Sprache werden zur Mitteilung gehörige Informationen, die sich aus dem Zusammenhang erschließen lassen, oft nicht explizit formuliert. Anton sagt zu Georg z. B. nur: "Komm!" anstatt: "Georg! Komm jetzt zu Anton!" Um fehlerfrei logisch schließen zu können, müssen die im Kontext implizierten Bedeutungselemente allerdings explizit gemacht werden. 

III. Das Weltbild

Wenn man weiß, wie die Welt beschaffen ist (wenn man also über ein möglichst vollständiges und fehlerfreies Bild des relevanten Ausschnitts der Welt verfügt), dann weiß man,

- was man zukünftig zu erwarten hat,
- welche Möglichkeiten des Handelns bestehen,
- was die Folgen des Handelns sind und
- was die Ursachen bestimmter Phänomene sind.

Unsere Handlungsmöglichkeiten werden durch die Kenntnis der regelmäßigen Zusammenhänge erweitert. Man täuscht sich nicht über die Beschaffenheit der Welt und es kann deshalb keine Ent-Täuschungen geben.
 

IV. Wahrheit

Auf gestellte Fragen will man nicht irgendwelche Antworten haben, sondern richtige Antworten, die aus wahren Sätzen bestehen.

Was ist mit einem wahren positiven Satz gemeint?

Ein positiver Satz ist wahr, wenn die Welt so beschaffen ist, wie der Satz beinhaltet.

Damit ist vorausgesetzt, dass es nur eine gemeinsame Welt gibt. Gäbe es mehrere Welten, so könnte ein bestimmter positiver Satz (in der Sprache L) in der einen Welt wahr und in der anderen Welt falsch sein.

Damit ist weiter vorausgesetzt, dass nur eine Wahrheit für alle gilt.

Schließlich ist damit vorausgesetzt, dass ein Satz wahr oder falsch ist, unabhängig von der Person, dem Zeitpunkt und dem Ort, an dem der Satz geäußert wird. Ein positiver Satz kann also nicht heute wahr und morgen falsch sein. Er kann allerdings heute als wahr gelten und morgen als falsch.
 

V. Das Kriterium der Wahrheit

Wie kann man feststellen, ob ein positiver Satz wahr ist, ob also die Welt so beschaffen ist, wie der betreffende Satz beinhaltet?

Nehmen wir einen Satz p, der die gegenwärtige Beschaffenheit eines begrenzten Teils der Welt beschreibt:

Der Satz p lautet: "Auf dem Tisch vor mir liegt (jetzt) ein Apfel."

Wie kann ich feststellen, ob p wahr ist, ob also auf dem Tisch vor mir ein Apfel liegt?


VI. Der Sinneseindruck und seine Interpretation: die Wahrnehmung

Ich setze im Folgenden voraus, dass ich gelernt habe, was das Wort "Apfel" in der Sprache L bedeutet (die Frucht des Apfelbaumes o.ä.) und dass ich außerdem weiß, welche Eigenschaften Äpfel erfahrungsgemäß haben (ca. faustgroße, rundliche, essbare Objekte mit glatter Schale, Fruchtfleisch und Kerngehäuse usw.).

Wenn ich mit beiden Augen auf den Tisch vor mir sehe, habe ich einen plastischen visuellen Sinneseindruck. Dieser Sinneseindruck ist nur mir direkt zugänglich. Er setzt sich aus Farben und Formen hellerer oder dunklerer Art zusammen, die in meinem Gesichtsfeld räumlich angeordnet sind. Der visuelle Sinneseindruck vermittelt die Richtung und die Entfernung des Gesehenen. Indem er sich verändert, ergibt sich eine zeitliche Reihenfolge meiner unterschiedlichen visuellen Sinneseindrücke.

Folgende Voraussetzungen müssen für das Zustandekommen des visuellen Sinneseindrucks erfüllt sein:

- Das Gesehene muss Lichtstrahlen aussenden oder reflektieren.
- Zwischen der Netzhaut meiner Augen und dem Objekt dürfen sich nur lichtdurchlässige Stoffe befinden (Luft, Glas etc.).
- Meine Sehnerven und mein Sehzentrum im Gehirn müssen normal funktionieren.

Wenn ich unter Anleitung einer sprach- und sachkundigen Person gelernt habe, wie ein Apfel aussieht, dann kann ich meinen aktuellen visuellen Sinneseindruck damit vergleichen und ihn interpretieren durch die sprachlich ausgedrückte Wahrnehmung: "Ich sehe auf dem Tisch vor mir einen Apfel."

Wenn es Dinge gibt, die fast genauso aussehen wie Äpfel (z. B. Quitten, Nachbildungen von Äpfeln aus Plastik oder Wachs), kann ich meine Interpretation zusätzlich absichern, indem ich näher herangehe, den Gegenstand in die Hand nehme und betaste. Bin ich mir der Interpretation meines Sinneseindrucks immer noch nicht sicher, kann ich hineinbeißen und den Gegenstand schmecken.

Wenn der Gegenstand so aussieht, sich so anfühlt und so schmeckt, wie ich das von andern Äpfeln bereits kenne, so habe ich gute Gründe zu behaupten: "Es ist so, wie p besagt. Auf dem Tisch vor mir liegt ein Apfel, d.h. p ist wahr."


VII. Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit von Sinneseindrücken

Anderen Individuen, die der Meinung sind, dass p falsch ist, kann ich p zwanglos einsichtig machen, indem ich zu ihnen sage: "Kommt her und seht selbst auf den Tisch." So kann ich - zumindest bei dauerhaften oder wiederholbaren Sachverhalten - aufgrund intersubjektiv übereinstimmender Wahrnehmungen den allgemeinen Geltungsanspruch wahrer Sätze zwangfrei einlösen.

Die intersubjektive Geltung positiver Sätze ist eine wichtige Bedingung für die Einigung bei kollektiven Entscheidungen und Handlungen.

 

Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
    
Erkenntnis - Wahrheit - Wissenschaft ** (49 K)

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Letzte Bearbeitung 15.11.2011 / Eberhard Wesche

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