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Hat der Mensch einen freien Willen?

Ist der Wille des Menschen in einer Weise unfrei, dass er für seine Taten nicht verantwortlich ist?

 

Ob der Mensch einen freien Willen hat oder ob das, was ein Mensch will und tut, bereits im Voraus feststeht (Prädestination), ist über Jahrhunderte ein leidenschaftlich diskutiertes Thema der christlichen Theologie gewesen. Die Frage nach der Willensfreiheit erhält ihre Brisanz durch die häufig gezogene Konsequenz, dass man einen Menschen für seine Taten nicht verantwortlich machen kann, wenn er über keinen freien Willen verfügt.

Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der den Standpunkt der Willensfreiheit vertrat, verstand unter der 'Freiheit' des Willens das "Vermögen des menschlichen Willens, mit dem der Mensch sich dem, was zur ewigen Seligkeit führt, zuwenden oder von ihm abwenden kann". Unter Bezugnahme auf ein Bibelzitat führt er weiter aus, dass "der Mensch so erschaffen worden war, dass er eine unversehrte Vernunft besaß, die unterscheiden konnte, was zu erstreben und was zu meiden ist; doch er hat außerdem einen Willen bekommen, der zwar auch unversehrt gewesen ist, jedoch frei, so dass er, wenn er es wollte, sich vom Guten abwenden und zum Bösen ablenken konnte". (Vom freien Willen, Göttingen 1956, S.24)

Die Gegenposition lässt sich in dem Argument zusammenfassen: Wenn Gott allwissend und allmächtig ist, dann kann nichts gegen Gottes Willen geschehen, auch nicht das, was der Mensch tut. Folglich ist der Mensch für seine Taten nicht verantwortlich und frei von Schuld. Die Bestrafung eines Unschuldigen ist mit der Vorstellung eines gerechten Gottes nicht vereinbar.

Aus der Vorstellung eines allmächtigen Gottes ergab sich damit ein Dilemma, das unter den Voraussetzungen der christlichen Theologie nicht rational auflösbar war.

Das Problem der Willensfreiheit kehrte im Zuge der Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens in nicht-religiöser Form wieder. Diejenigen, die die Willensfreiheit verneinten, argumentierten so: Wenn alles, was geschieht, unabänderlichen kausalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, dann unterliegt auch das Handeln des Menschen unabänderlichen kausalen Gesetzmäßigkeiten. Insofern kann ein Mensch nicht anders handeln, als er es tatsächlich tut. Wenn ein Mensch aber nicht anders handeln kann, so kann man ihn für sein Handeln nicht verantwortlich machen. Er trägt auch für seine schlechten Taten keine Schuld. Es ist mit unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht vereinbar, einen Unschuldigen zu bestrafen.

Damit ergibt sich ein ähnliches Dilemma wie in der religiösen Variante. Dort verwandelt sich der Mensch als Urheber seiner Taten in eine Marionette Gottes. Hier löst sich der Mensch als Person in eine gesetzmäßige Verkettung von Ursachen auf. Soweit die Skizzierung des Ausgangsproblems. Um die Diskussion übersichtlicher zu machen, wird das Problem der Willensfreiheit im Folgenden unter der übergeordneten Fragestellung diskutiert, ob der Wille des Menschen unfrei ist, mit der Folge, dass er für seine Taten nicht verantwortlich ist und nicht deswegen bestraft werden kann.

Die Ausgangsfrage lautet: Hat der Mensch einen freien Willen? Wie man diese Frage beantwortet, hängt vor allem davon ab, wie man die in der Frage vorkommenden Begriffe "Wille" und "frei" versteht. In einem ersten Schritt soll die Bedeutung des Wortes "Wille" geklärt werden. Dies kann für unsere Problemstellung am besten in der Weise geschehen, indem man die Frage stellt:

Hat der Mensch einen Willen?
Dazu muss geklärt werden, was mit dem Wort "Wille" hier gemeint ist. Im Alltag wird durchgängig vorausgesetzt, dass normale Menschen einen Willen haben und Verschiedenes wollen. Man fragt nach dem Gewollten ("Was willst Du?"). Man drückt sein eigenes Wollen aus ("Ich will eine Tasse heißen Kakao"). Man beschreibt das Wollen eines anderen ("Georg will nicht, dass Du ihn besuchst"). In allen Fällen geht es um Menschen, die etwas anstreben, die ein Ziel verfolgen.

Woran erkennt man, dass jemand etwas Bestimmtes will? Offenbar erkennt man dies daran, dass der Träger des Willens so handelt oder zumindest so versucht zu handeln, dass sein Wille erfüllt wird (dass das von ihm Gewollte verwirklicht wird, dass das angestrebte Ziel erreicht wird).

Wenn man das Wort "Wille" in dieser Weise verwendet, dann haben auch Tiere einen Willen. Schafe wollen Gras fressen bis sie satt sind. Sie laufen zum Futter und versuchen es mit ihrem Maul zu erreichen. Wenn man vor das Futter einen Zaun zieht, versuchen sie, den Zaun zu überwinden.  Entsprechendes gilt für Hunde. Menschen und Tieren ist gemeinsam, dass sie Ziele verfolgen, dass sie etwas wollen.

Wie ist es mit Pflanzen? Besitzen auch sie einen Willen? Pflanzen haben z. B. die Eigenschaft, dass sie immer zum Licht wachsen. Wenn man das Licht aus einer anderen Richtung scheinen lässt oder die Lage der Pflanze verändert, dann richtet die Pflanze ihren Wuchs und die Stellung ihrer Blätter in Richtung auf die Lichtquelle neu aus. Insofern kann man auch Pflanzen einen - wenn auch sehr einfach strukturierten - Willen zuschreiben.

Haben auch unbelebte Gegenstände einen Willen? Wenn ich einen großen, schweren Stein in der Hand halte, so zieht der Stein meine Hand nach unten. Wenn ich den Stein loslasse, strebt er der Erde zu und fällt zu Boden. Entsprechendes gilt für eine Kugel auf einer schiefen Ebene oder für Wasser in einem Behälter. Besitzt ein Stein damit einen Willen? Will er sich nach unten bewegen? Will er fallen? Mir scheint es nicht sinnvoll, Steinen einen Willen zuzuschreiben. Es reicht vollkommen aus zu sagen, dass das Fallen eines Steines gemäß den Aussagen der Mechanik erfolgt. Zu sagen, dass der Stein fallen wollte, verschafft keinerlei zusätzliche Information über die Bewegung von Steinen und ist insofern überflüssig. Analoges gilt für die Interpretation der Steinbewegungen als Gehorsam gegenüber allgemeinen Gesetzen des Verhaltens.
Den Steinen fehlt auch der Aspekt des sich Bemühens und des Versuchens, der beim Wollen von Menschen wichtig ist. Unbelebten Gegenständen kommt von daher kein Wille zu.

Es gibt jedoch auch Gegenstände, die selbständig bestimmte Ziele verfolgen. Ein Beispiel hierfür sind Raketenwaffen, die auf ein bestimmtes Ziel angesetzt werden - etwa das heiße Triebwerk eines feindlichen Flugzeugs - und dies Ziel dann selbständig verfolgen und zerstören. Diese Raketen verfügen über Sensoren für Wärmestrahlung und einen Rechner mit einer Software, die Geschwingkeit und Richtung beider Flugkörper ständig erfasst und berechnet. Dadurch kann die Rakete auf mögliche Kursänderungen des Flugzeugs selbständig reagieren. Soll man hier sagen, dass die Rakete ihr Ziel erreichen will? Gegen die Aussage, dass die Rakete das Flugzeug zerstören will, spricht, dass dieser Wille kein eigener Wille ist, sondern vollständig auf der Programmierung im Sinne eines anderen Willens beruht.

Wie die Beispiele zeigen, besteht ein fließender Übergang von der einfachen Eigenschaft des Verhaltens zum ausgeprägten Willen.



 







In dem folgenden fiktiven Streitgespräch geht es um die Frage, ob der Mensch überhaupt zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten wählen kann.


 Ein Streitgespräch:
 Kann der Mensch zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten wählen?

An diesem fiktiven Disput sind drei Personen beteiligt: Fritz, Frida und Franz. Fritz vertritt den Standpunkt, dass der Mensch keine Wahlfreiheit in seinem Wollen und Handeln hat. Frida und Franz sind dagegen der Meinung, dass der Mensch zwischen mehreren möglichen Handlungen wählen kann. Frida hat dazu etwas vorbereitet. Sie beginnt damit, dass sie Franz, dem Dritten im Bunde, ein Luftgewehr in die Hand drückt.

Frida: Hier hast Du ein Luftgewehr, Franz. Kannst Du damit einen Schuss auf die Zielscheibe an der Tür abgeben?

Franz (nickt): Ja, das kann ich.

Frida: Kannst Du auch einen Schuss auf die Pappfigur neben der Tür abgeben?

Franz: Ja, das kann ich auch.

Frida: Gut, Franz. Du hast eine Kugel, die Du verschießen kannst. Wenn die rote Lampe dort aufleuchtet, schießt Du entweder auf die Zielscheibe oder auf die Pappfigur. Welches der beiden Ziele Du wählst, bleibt Dir überlassen.

Franz: O.K. Ich habe verstanden.

Frida (wendet sich an Fritz): Franz sagt, dass er auf die Zielscheibe oder auch auf die Pappfigur schießen kann. Damit stehen ihm zwei Handlungsmöglichkeiten offen. Wenn das stimmt, dann ist Deine Position eigentlich damit bereits widerlegt – oder?

Fritz: Hoppla. Nicht so voreilig. Der Schein trügt. Wenn es nur eine reale Welt gibt, in der alles gesetzmäßig geschieht, gibt es nur einen möglichen Ablauf des Geschehens und das ist der Ablauf, wie er real stattfindet.

Frida: Ich will die Annahme einer deterministischen Gesetzmäßigkeit allen Geschehens vorerst einmal gelten lassen, obwohl man hier Zweifel anmelden könnte. Und sicherlich ist es sinnvoll, von nur einer wirklichen Welt auszugehen. Aber das schließt ja nicht aus, dass ein Mensch auf das zukünftige Geschehen Einfluss nimmt, indem er sich für eine der ihm offenstehenden Handlungsalternativen entscheidet und entsprechend handelt.

Fritz: Wenn Franz meint, er könne den Ablauf des Geschehens durch seine Entscheidung beeinflussen, so erliegt er einer Illusion, denn wie er sich entscheidet, wird durch die bestehende Ausgangslage in Verbindung mit den geltenden Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Nicht Franz also bestimmt den Lauf der Dinge sondern das tun - etwas pathetisch formuliert - die unabänderlichen Gesetze allen Geschehens.

Frida: Willst Du bestreiten, dass Franz es ist, der den Gewehrlauf auf das eine oder das andere Ziel richtet. Ist es denn nicht Franz, der mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand den Abzug betätigt und der entweder auf die Zielscheibe oder die Pappfigur schießt? Beide Möglichkeiten sind zumindest mit den mir bekannten Gesetzmäßigkeiten vereinbar.

Fritz: Sicher, im Alltagsleben sagen wir, dass Franz sich für etwas entscheidet und dass Franz etwas tut. Das ist aber eigentlich eine oberflächliche Sicht der Dinge, bei der die wirklichen Ursachen gar nicht in den Blick kommen. Dass beide Handlungen, <Franz schießt auf die Zielscheibe> und <Franz schießt auf die Pappfigur> mit der Gesamtheit der bestehenden Gesetze und Ausgangsbedingungen vereinbar sind, das bestreite ich entschieden.

Frida: Mit welcher Gesetzmäßigkeit wäre es denn nicht vereinbar, dass Franz z. B. auf die Zielscheibe schießt? Kannst Du mir das vielleicht verraten?

Fritz: Diese Frage kann ich angesichts unseres beschränkten jetzigen Wissens leider noch nicht beantworten. Aber unser Wissen wächst ja weiter.

Frida: Deine Hoffnung in Ehren, aber wäre es angesichts unseres beschränkten jetzigen Wissens nicht angemessener zu sagen: "Nach unserem jetzigen Erkenntnisstand sind beide Handlungsverläufe möglich und keiner kann als unmöglich ausgeschlossen werden"?

Fritz: Der Meinung bin ich nicht, denn wenn man das so formulierst, dann wird nicht deutlich, dass es sich bei einer der beiden alternativen Möglichkeiten eben nur um eine scheinbare Möglichkeit handelt, die durch zusätzliches Wissen bzw. durch den Fortgang der Ereignisse verschwindet. Wenn Franz seinen Schuss abgegeben hat, z. B. auf die Zielscheibe, dann wissen wir, dass es sich bei der Handlungsalternative 'auf die Pappfigur schießen' nur um eine scheinbare Möglichkeit gehandelt hat.

Frida: Ich unterbreche hier mal kurz die Diskussion.

(Frida schaltet die rote Lampe ein. Einige Sekunden später gibt Franz - so wie besprochen - einen Schuss ab. Er schießt auf die Zielscheibe und nicht auf die Pappfigur. Es ist genau 12.00 Uhr.)

Frida: Franz, vorhin hast Du gesagt, dass Du auch auf die Pappfigur schießen kannst. Du hast es aber nun nicht getan. Meine Frage an Dich: Bist Du immer noch der Meinung, dass Du auf die Pappfigur hättest schießen können?

Franz: Aber natürlich hätte ich das gekonnt. Warum auch nicht?

Frida: Hörst Du, Fritz? Franz bleibt dabei, dass er auch auf die Pappfigur hätte schießen können.

Fritz: Er hat es aber nicht getan, und dafür gibt es Ursachen. Wenn sich aus dem gesetzmäßigen Verlauf des Geschehens ergibt, dass Franz auf die Zielscheibe schießt, dann ist es Unsinn zu sagen, es hätte sich auch etwas anderes daraus ergeben können. Das wäre höchstens möglich, wenn wir auch statistische Zusammenhänge zulassen würden. Bei Annahme deterministischer Kausalbeziehungen zwischen den Faktoren kann nicht statt der tatsächlich ausgeführten Handlung eine andere Handlung ausgeführt werden. Das ist unmöglich, was bedeutet, dass es unmöglich war, dass Franz auf die Pappfigur statt der Zielscheibe geschossen hätte.

Frida: So kommen wir nicht weiter. Wenn ich es recht sehe, dann geht es in unserem Streit darum, ob bestimmte Handlungsmöglichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehen oder nicht. Um weiter zu kommen, benötigen wir deshalb ein Kriterium für das Vorhandensein einer bestimmten Handlungsmöglichkeit.

Franz: Ich denke, am einfachsten und überzeugendsten kann man das Vorhandensein einer bestimmten Handlungsmöglichkeit dadurch nachweisen, dass man die betreffende Handlung tatsächlich ausführt und damit die Möglichkeit verwirklicht.

Wenn z. B. jemand behauptet, es sei mir nicht möglich, diesen Stein allein und ohne Hilfsmittel anzuheben und wegzutragen, dann kann ich diese Behauptung widerlegen, indem ich den Stein wegtrage. Es gehört offenbar zur Bedeutung des Wortes "möglich", dass das, was wirklich ist, immer auch möglich ist.

Fritz: Ich habe damit keine Probleme.

Frida: Ich auch nicht. Mir ist auch schon eine Idee gekommen, wie wir klären können, ob der Mensch sich zwischen mehreren Möglichkeiten des Handelns entscheiden kann.
 
Franz: Brauchen wir noch das Luftgewehr, Frida?

Frida: Nein danke, ich nehme etwas anderes.

(Frida zieht einen 100-€-Schein aus ihrem Portemonnaie und hält ihn hoch.)

Fritz (leicht grinsend): Willst Du uns bestechen, damit wir Dir Recht geben?

Frida: Das habe ich zum Glück nicht nötig, wie Du gleich sehen wirst.

Fritz: Ich bin gespannt.

Frida: Ich habe hier einen 100 €-Schein, Fritz. Ich werde Dir beweisen, dass für mich jetzt mindestens zwei Möglichkeiten des Handelns bestehen. Die Möglichkeiten sind alternativ, da sie sie nicht beide zugleich realisiert werden können. Deshalb  kann man auch von "Handlungsalternativen" sprechen.

Handlungsalternative 1: Ich zünde den Geldschein mit diesem Feuerzeug an und verbrenne ihn zu Asche.
Handlungsalternative 2: Ich lege den Geldschein unversehrt in mein Portemonnaie zurück.
Ich behaupte nun, dass mir auf jeden Fall diese zwei Handlungsalternativen offenstehen. Siehst Du das auch so, Fritz?

Fritz: Ich muss gestehen, dass ich etwas verwirrt bin von dem, was Du da gerade anstellst.

Frida (lacht): In philosophischen Seminaren ist es in der Tat nicht üblich, Geldscheine anzuzünden, aber hier dient es ja einem wissenschaftlichen Zweck.

Fritz: Den kann ich noch nicht entdecken. Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken.

(Längeres Schweigen.)

Frida: Da Du auf meine Frage offenbar jetzt nicht antworten kannst, will ich die Sache aus meiner Sicht erläutern, damit wir zum Ende kommen.

Also. Meine Behauptung lautet:

Ich kann den Geldschein hier jetzt verbrennen oder ich kann ihn jetzt in mein Portemonnaie zurücklegen.

Damit stehen mir zwei alternative Möglichkeiten des Handelns offen.


Wenn Du dieser Behauptung nicht widersprichst, Fritz, dann bist Du auf meine Position eingeschwenkt und unsere Diskussion ist beendet.

Wenn Du aber meiner Behauptung widersprichst und sagst: "Nein, Dir stehen keine zwei Alternativen offen", dann frage ich Dich: "Welche der beiden Alternativen steht mir denn nicht offen?"

Wenn Du mir antwortest: "Dir steht die Alternative <den Geldschein verbrennen> nicht offen", dann zünde ich zum Beweis des Gegenteils den Geldschein an.

Franz: Ist das wirklich Dein Ernst, Frida?

Frida (lächelt): Und ob ich das ernst meine. Soviel ist mir der wissenschaftliche Fortschritt schon wert, Franz. Aber Spaß beiseite.

Fritz, vielleicht sagst Du ja auch: "Dir steht die Alternative <den Geldschein zurücklegen> nicht offen". Dann lege ich den Geldschein zum Beweis des Gegenteils wieder in mein Portemonnaie zurück - was für mich eindeutig die billigere Alternative ist.

Damit ist Deine generelle These: "Der Mensch kann nicht zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten wählen" anhand eines etwas banalen Beispiels widerlegt. Stimmt's oder hab ich Recht?


Fritz: Du scheinst Dir ja sehr sicher zu sein, Frida. Aber irgendetwas ist an diesem Beweis faul. ... Ich weiß nur noch nicht, wo der Fehler steckt ... Ich schlage vor, dass wir morgen weiterdiskutieren.

(Fritz liegt die halbe Nacht wach und grübelt über Fridas Beweis nach. Am nächsten Tag:)

Fritz: Frida, ich weiß jetzt, worin der Fehler in Deinem Beweis mit dem 100-€-Schein besteht. Wenn man den Ablauf Deiner Demonstration genau analysiert, dann merkt man, dass es sich dabei gar nicht um eine Entscheidungssituation handelt sondern um zwei.

Wenn ich zu Dir sage: "Dir steht die Alternative <den Geldschein verbrennen> nicht offen", haben wir die eine Entscheidungssituation. Hier beweist Du durch Anzünden des Geldscheins, dass Dir die Alternative <den Geldschein verbrennen> offensteht.
Wenn ich zu Dir sage: "Dir steht die Alternative <den Geldschein zurücklegen> nicht offen", haben wir die andere Entscheidungssituation. Hier beweist Du durch die Tat, dass Dir die Alternative <den Geldschein zurücklegen> offensteht.

Meine Position ist damit ohne weiteres vereinbar. Ich bleibe deshalb dabei, dass es bei Annahme der Gesetzmäßigkeit allen Geschehens für den Menschen niemals die Möglichkeit gibt, etwas anderes zu tun als das, was er tatsächlich tut.

Frida: Das kommt mir alles reichlich spitzfindig vor. Gebt mir etwas Zeit zum Überlegen.

(Frida denkt längere Zeit nach, den Kopf auf beide Hände gestützt.)

Frida: Tja, ich denke, dass es stimmt, was Du sagst, Fritz. Durch Realisierung kann man in einer gegebenen Entscheidungssituation höchstens für eine der Alternativen zeigen, dass sie bestanden hat. Denn mit der Verwirklichung einer Alternative ist die gegebene Entscheidungssituation bereits aufgehoben.

Fritz: Meine Anerkennung, Frida. Das hat man nicht oft, dass sich jemand in einer Diskussion durch Argumente überzeugen lässt und einen Irrtum zugibt.

Frida: Warum sollte man denn verheimlichen, dass man lernfähig bin?

Aber zurück zu der Frage, ob für den Menschen verschiedene Handlungsmöglichkeiten bestehen, zwischen denen er wählen kann. Wenn ihr einverstanden seid, dann diskutieren wir diese Frage anhand des Luftgewehr-Beispiels, um uns nicht in irgendwelchen Abstraktionen zu verirren.

(Franz und Fritz nicken)

Frida: Franz, Du hast sinngemäß gesagt: "Ich hätte auch auf die Pappfigur schießen können anstatt auf die Zielscheibe". Und Du, Fritz, hast gesagt, dass es sich bei der Alternative <auf die Pappfigur schießen> nur um eine scheinbare Möglichkeit handelt, die im Fortgang des Geschehens verschwindet.

Franz: Was Fritz sagt, ist nicht falsch. Aber ich meine etwas anderes, wenn ich sage, dass ich auch anders hätte handeln können, als ich es getan habe. Ich weiß nur nicht, wie ich das ausdrücken soll.

Frida: Kannst Du vielleicht ein konkretes Beispiel dafür geben, Franz?

Franz: Ja, lass mich überlegen. ... Ich hab's: Wenn Du mich z. B. gebeten hättest, auf die Pappfigur zu schießen, dann hätte ich es bestimmt getan.

Frida: Und wenn Fritz daraufhin gesagt hätte: "Ich gebe Dir 1000 €, wenn Du auf die Zielscheibe schießt?"

Franz: Dann hätte ich wahrscheinlich wieder auf die Zielscheibe geschossen.

Frida: Und warum hast du vorhin um 12.00 Uhr auf die Zielscheibe geschossen?

Franz: Weil ich nicht gerne auf Menschen schieße - auch nicht auf die Bilder von Menschen.

Frida: Wenn ich das mal verallgemeinern darf, dann heißt das, dass Du immer auf dasjenige Ziel schießt, das nach den Umständen Deinen Wünschen am meisten entgegenkommt. Das Motiv, eine Bitte von mir zu erfüllen, ist in Dir stärker als die Abneigung, auf Pappfiguren zu schießen. Das Motiv, 1000 € zu bekommen, ist wiederum stärker als das Motiv, eine Bitte von mir zu erfüllen. Wenn sich die Umstände verändern, dann ändert sich auch Dein Wollen und damit Dein Handeln. Meiner Ansicht nach kannst Du mit Recht sagen: "Ich hätte anders handeln können, wenn ich gewollt hätte".

Fritz: Das klingt sehr frei, wenn Franz dasjenige tut, was er will. Der Mensch hat die Illusion, dass er in seinem Handeln frei ist, dass er so handeln kann, wie er es will. Aber er sieht nicht, dass sein Wille Teil dieser Welt ist. So wie das Weltgeschehen unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, so unterliegt auch das Wollen des Menschen als Teil des Weltgeschehens Gesetzmäßigkeiten, die der Mensch nicht ändern kann. Insofern ist der Wille des Menschen nicht frei, oder um es mit Schopenhauer auf den Punkt zu bringen: Der Mensch kann vielleicht tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Frida: Auch wenn Du Dich auf einen großen Philosophen berufst, kann ich diesem Argument nicht folgen, Fritz. Zu sagen, dass der Wille des Menschen nur dann frei ist, wenn er wollen kann, was er will, ergibt keinen Sinn.
 
Selbst wenn ich einen solchen "Willen 2. Stufe" hätte, mit dem ich wollen könnte, wie mein normaler Wille beschaffen sein soll, so wäre mein Wille gemäß dieser Definition dennoch nicht frei. Denn es bleibt die Frage offen, ob ich denn wollen kann, wie mein "Wille 2. Stufe" beschaffen sein soll.

Selbst wenn ich einen solchen "Willen 3. Stufe" hätte, mit dem ich wollen kann, wie mein "Wille 2. Stufe" beschaffen sein soll, so wäre mein Wille immer noch nicht frei. Denn dann bleibt die Frage offen, ob ich denn wollen kann, wie mein "Wille 3. Stufe" beschaffen sein soll, usw. usf.

Wie Du siehst, führt Deine Bestimmung eines freien Willens zu einem unendlichen Regress und ist deshalb unbrauchbar.

Fritz: Das scheint sehr schlüssig, sodass ich das Argument von Schopenhauer wohl zurückziehen muss. Trotzdem bleibe ich dabei, dass ein Wille, dessen Beschaffenheit auf bestimmte Ursachen zurückzuführen ist, nicht frei ist.

Franz: Wenn mich jemand um etwas bittet, das ich daraufhin tue, wenn mir jemand für ein bestimmtes Handeln viel Geld anbietet, und ich es daraufhin tue, wenn ich aufgrund von Kindheitserlebnissen bestimmte Abneigungen habe, denen ich in meinem Handeln entspreche, dann sind das doch keine Belege meiner Unfreiheit im Wollen und Handeln. 

Frida: Fritz bleibt dabei, dass Du auf die Zielscheibe schießen musstest.

Franz: Das Gefühl, dass ich das tun musste, hatte ich eigentlich nicht. Du hattest mir ja freigestellt, worauf ich schieße. Als die rote Lampe aufleuchtete, habe ich auch noch kurz überlegt, ob ich nicht lieber auf die Pappfigur schießen sollte, weil die größer war und man sie leichter treffen konnte. Aber ich habe mich dann doch für die Zielscheibe entschieden. Die konnte ich auch noch mit ziemlicher Sicherheit treffen.

Fritz: Aber Franz, es kommt hier doch nicht darauf an, welches Gefühl Du dabei gehabt hast. Entscheidend ist, dass es angesichts der Umstände so kam, wie es kommen musste: Du hast Dich für die Zielscheibe entschieden und hast auf diese geschossen. Etwas anderes konntest Du weder wollen noch tun.

Franz: Mir kommt das, was Du sagst, etwas eigenartig vor, Fritz. Es stimmt, dass ich nicht gern auf Menschen schieße - und auch nicht auf Bilder von Menschen. Aber dies entspricht doch meiner ureigensten Überzeugung. Dazu hat mich doch niemand gezwungen.

Fritz: Das behaupte ich ja auch nicht. Ich sage nur: Auch diese Überzeugung kommt nicht aus dem Nichts, sondern es gibt Ursachen für das Entstehen Deiner Abneigung.

Franz: Ich kann Dir auch sagen, woher diese Abneigung kommt. Ich habe als Kind den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien miterlebt und mich verfolgen heute noch die Bilder von den Erschossenen, wie sie leblos in den Straßen liegen. Aber deswegen ist meine Abneigung gegen das Schießen auf Menschen doch nichts, was mich zu irgendetwas zwingt. Ich bin es doch selber, der diese Abneigung hat. Meine Motive sind doch meine Motive, zu denen ich stehe und die mir nicht aufgezwungen wurden.

Fritz: Das mögen Deine Motive sein, trotzdem beruht ihr Entstehen auf bestimmten gesetzmäßig wirkenden Ursachen. Insofern bist Du nicht frei in der Wahl Deiner Motive, und Du bist nicht frei in dem, was Du willst.

Franz: Dann sag doch gleich, dass ich mich nicht selber erschaffen habe. Dem werde ich nicht widersprechen, denn ich habe kein Problem damit, dass ich von meinen eigenen Wünschen und Abneigungen zu etwas "gezwungen" werde. Wenn das so ist, dann habe ich gerne einen unfreien Willen. Außerdem: Löst sich damit nicht das ganze Problem der Willensfreiheit in ein Nichts auf? Wenn das menschliche Handeln nur ein Geflecht von gesetzmäßigen Zusammenhängen zwischen Ursachen und Folgen ist, dann haben wir doch keine Person mehr, die etwas will. Also haben wir auch keine Person mehr, die etwas unfrei will.

Frida: Ich versuche mal, ein Fazit aus unserer bisherigen Diskussion zu ziehen.

Die These "Du hättest anders handeln können, als Du getan hast" ist als solche nicht richtig, wenn man - wie wir es getan haben - von der Annahme ausgeht, dass alles Geschehen deterministischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Zulässig ist jedoch die These: "Du hättest anders handeln können, als Du getan hast, wenn Du es gewolllt hättest".

Das was ein Mensch will, ist kausal bedingt und unterliegt nicht seinem Willen. Dies prinzipiell als "Unfreiheit des Willens" zu bezeichnen, ist nicht angemessen, denn es sind zumindest teilweise die ureigensten Wünsche, Neigungen und Überzeugungen des betreffenden Menschen, die seinen Willen ausmachen.

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(wird fortgesetzt)



Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
    Determinismus ** (25 K)
    Die 7 Welträtsel ** (40 K)

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Ethik-Werkstatt: Ende der Seite "Hat der Mensch einen freien Willen?" / Letzte Bearbeitung 17.11.2010 / Eberhard Wesche

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